• S.

           23. 5. 09
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr Kollege
    Ich bin hocherfreut über Ihre guten Nachrichten, nicht zum mindesten über Ihre Unabhängigkeit von O., mit dem doch nichts anzufangen ist. Nun zum Wichtigsten, zum Wiedersehen. Auf der Hinreise werde ich wohl direkt München – Bremen fahren (21. August, "George Washington" N[ord-]D[eutscher] L[oyd]).
    Auf der Rückreise will ich in Hamburg kurze Station machen; dann in Berlin unterbrechen. Dort lebt mir ein sehr eifersüchtiger 75jähriger, unglaublich jugendfrischer Bruder,vor dem ich meine Anwesenheit einen halben Tag verbergen werde, um Sie zu sprechen und einen Blick in Ihr warmes Heim zu tun. Das Weitere wird sich finden. Wahrscheinliches Datum einer der letzten Septembertage.
    Im Sommer werden wir sehr wahrscheinlich Zimmer im Hotel Ammerwald (Grenze von Tirol und Bayern), zwei Wagen- stunden von Oberammergau, mieten, wenn wir dort noch Platz bekommen. Ich sehne mich nach der schönen, mir dort versprochenen Waldeinsamkeit, soll dort übrigens auch eine Arbeit fertig machen.Ich kann Ihnen also keine Gastlichkeit bieten, aber wenn Sie mich stören wollen, werden Sie herzlich empfangen werden. Ad vocem Moll: Der Mann ist kein Arzt sondern ein Winkeladvokat. Ich überwinde mich, um Ihnen zur Warnung noch weiteres mitzuteilen. Er sprach natürlich

  • S.

    bald von Ihnen und war sogleich mit der Insinuation zur Hand, Ihr Eifer für die Psychoanalyse scheine jetzt nachzulassen, da Ihre Vorträge nicht mehr so häufig wären. Ich unterbrach ihn mit der trockenen Bemerkung, wir hätten abgemacht, daß Sie nicht häufiger als einmal im Halbjahr hervortreten sollten. Es scheint mir nachträglich, daß er mich dazu veranlassen wollte, eine ähnliche Purifizierungsaktion in derPatientenfangsache in Wien einzuleiten; ich brachte ihn bald auf anderes, was ihn aus der Illusion riß. Ein hämischer, kniffiger Geselle, der, jeder Bosheit fähig, mit offizieller Ethik kompensiert!
    Vierkandt hat wiederholt Briefe mit mir gewechselt. Sie könnten vielleicht versuchen, ihn in Ihren Kreis zu ziehen. Auch von Marcinowski(ich stehe für den Namen nicht ein, er ist Anstaltsleiter) höre ich soviel Günstiges, daß ich seine Akquisition recht empfehlen würde.
    Die Rückführung der Straßenangst auf infantile Raumeindrücke ist mir bekannt, gewiß bedeutsam. Die Vater-Mutterfixierung werden Sie in keinem Falle mehr vermissen. Das Spezifische der Raumangst scheinen zugrunde gegangene Ehrgeizphantasien zu sein. Mündlich mehr!
    Ich bin natürlich zu müde, um zu arbeiten, aber sonst wieder wohl. Meine Frau befindet sich mit der zweiten Tochter in Karlsbad.

                            Mit herzlichen Grüßen für Sie
                                 und Ihre liebe Familie

                                              Ihr Freud