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S.
12. XI. 08
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Herr Kollege
Ihr Bericht über den Vortragsabend war sehr interessant. Sie haben es wirklich nicht leicht, aber ich glaube, Sie wenden die richtige Technik an. Die Leute behandeln wie die Kranken in der Psychoanalyse, mit überlegener Ruhe über das ’Nein’ hinweghören, seine Sache weiter auseinandersetzen und doch ihnen nichts sagen, wovon sie durch allzu großen Widerstand entfernt sind... der Konzessionsmacherei wird man gerade Sie nach der klaren Entschiedenheit von ’Traum und Mythus’ nicht beschuldigen dürfen.
Der Widerstand gegen die infantile Sexualität bestärkt mich in der Meinung, daß die drei Abhandlungen eine Leistung von ähnlichem Wert sind wie die Traumdeutung, deren zweite Auflage werden Sie, ich hoffe, in nächster Woche erhalten; das Buch ist erschienen, aber ich habe noch keine Exemplare. Die Schrift von Moll ist ebenso erbärmlich als unehrlich. Sie sehen, ich bin heute im Zug. Daß Sie Jung den Vortrag eingeschickt haben, wußte ich übrigens nicht.
Dem Kongreß in Wien werde ich, wenn nicht die unwahrscheinlichsten Änderungen bis dahin eingetreten sind, selbst ferne bleiben, und auch meine Heißsporne hier am Auftreten verhindern. Wenn Sie etwas vorbringen wollen, ist es etwas anderes, Sie besitzen die nötige Beherrschung und Überlegenheit. -
S.
Aber viel Freude werden auch Sie nicht erleben, und ich will meinen lieben Wienern nicht den Genuß einer Schlacht, in welcher wir niedergeschrieen werden, gönnen. Die Absenz hingegen wird sie ärgern, und das ist mir gerade recht. Als Gelegenheit, Sie wieder bei uns zu sehen, diesmal auch Ihre Frau, wäre mir der Kongreß ganz recht.
Ich arbeite jetzt an einer ’Allgem. Methodik der Psychoanalyse’, deren Publikationsort noch nicht feststeht, die jedenfalls - vielleicht ausschließlich - im zweiten Heft meiner Schhriften zur Neurosenlehre erscheinen wird. Leider habe ich so wenig Zeit, daß die Arbeit nur sehr langsam vorwärts geht. Ein freudiges Ereignis in meiner Familie, die Verlobung meiner Tochter mit einem jungen Manne ihrer Wahl, schafft mir gerade auch nicht mehr Muße. Aber man ist ja nicht allein literarisches und ärztliches Lasttier.
Meine Schwägerin verhandelt schon seit längerer Zeit mit einer Berliner Freundin wegen einer Behandlung, die für sie nicht unrichtig wäre. Sie werden aber nur dann weiteres hören, wenn die Überredung gelungen ist.
Mit herzlichem Gruß und Dank
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Schönberger Ufer 22
Berlin 10785
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C14F25