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           2. Jan. 12
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Nachdem ich die Feiertage mit der Abfassung von 2 Abhandlungen (die mir nicht gefallen) und allerlei intimen Unzufriedenheiten ausgefüllt habe, komme ich endlich dazu, Ihnen mit Frau und Kindern das Gedeihen im neuen Jahre zu wünschen, das Sie verdienen und an dem ich selbst so große Freude hätte. Gemeinsame Interessen und persönliche Sympathien haben uns so innig zusammengefügt, daß wir an der Aufrichtigkeit unserer Wünsche für einander nicht zu zweifeln brauchen.
    Ich weiß, welch schweren Stand Sie in Berlin haben und bewundere Sie immer um Ihre ungetrübte Stimmung und zähe Zuversicht. Die Chronik unserer Unternehmung ist vielleicht nicht immer erfreulich, aber das mögen die meisten Chroniken sein; es wird doch ein schönes Kapitel Geschichte geben. Die letzten guten Zeichen kommen merkwürdigerweise aus Frankreich. An Morichau-Beauchant in Poitiers haben wir einen starken

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    Gehilfen gewonnen (siehe seinen Aufsatz in der ’Gazette des Hôpitaux’, 1911, P. 1845), und heute erhielt ich einen Brief eines Schülers von Régis in Bordeaux in seinem Auftrag, der im Namen der französischen Psychiatrie um Entschuldigung für die bisherige Mißachtung der Psychoanalyse bittet und sich bereit erklärt, im Encéphale einen langen Aufsatz über sie loszulassen.
    Für mich bin ich nicht sehr erwartungsvoll; wir haben eine trübe Zeit durchzumachen, nach welcher die Anerkennung wohl erst für die nächste Generation blühen wird. Aber wir haben das unvergleichliche Vergnügen der ersten Erkenntnisse. Meine Arbeiten zur Psychoanalyse der Religion gehen sehr langsam vorwärts, so daß ich sie lieber ganz von der Tagesordnung absetzen möchte. Für das neue Journal ’Imago’ muß ich etwas wie eine Vorarbeit niederschreiben, etwas aus der Psychoanalyse der wilden Völker. Die Arbeit von Reik ist zu groß für die Sammlung, ich habe eben heute vom Autor (der unser Mitglied ist) gehört, daß sie als Buch erscheinen wird.
    Leben Sie wohl und schreiben Sie nicht zu selten.
           Ihrem getreuen Freud