• S.

    PROF. DR. Freud                           
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    3.3.1910

    Lieber Freund

    In Folge eines Anfalles von Schreibwut, 
    der den Leonardo bis zu Seite 30 gefördert 
    hat, habe ich es aufgeschoben, Ihnen für die interessanten 
    Zusendungen zu danken. Ich bin jetzt freier, 
    arbeite u verdiene weniger u möchte bis zum 
    Kongreß mit L fertig werden.

    Die Antiquitäten sind gering, aber noch im̄er preis-
    würdig. Das Broncegefäß ist nicht mitgekom̄en, 
    die Glasperlen sind schön, die Lämpchen allerdings 
    mit 1 K das Stück bezalt, aber es schadet nichts 
    wenn dem armen Kerl Lust gemacht wird. Die 
    Gürtel kann ich natürlich nicht nehmen, ohne 
    sie zu sehen, er müßte sie zur Ansicht einschicken.

    Verzeihen Sie, wenn ich auf die doch wertvolleren 
    wissenschaftlichen Zusendungen an zweiter Stelle 
    eingehe. Ich freue mich zu sehen, daß Sie es jetzt genau 
    so machen wie seinerzeit ich, nur daß ich meine 
    Notizen mit ihren Ahnungen u Irrungen nie-
    mand vorlegen konnte. Sie scheinen bei Ihren 
    Homos. doch nur dieselben Dinge gefunden 
    zu haben wie Sadger u ich bei den unserigen. 
    Es wäre lustig, wenn das schon das Gesetzmäßige 
    wäre. Die Theorien des Wiss‑Hum. Comites sind 
    natürliche tendenziöse Delirien. – Daß Silberers 
    Beobachtungen dieselbe Fortsetzg zulassen 
    wie jeder Traum war mir keinen Moment 
    zweifelhaft. Wenn ich Ihnen zu Ihren Mitteilungen 

  • S.

    wenig sage, z. Th. absichtlich, um Sie nicht zu stören so 
    wird Sie das nicht abhalten, mir weitere 
    zu senden.

    Die amerikan. Post hat wider Erfreuliches gebracht: 
    Ein volles Beken̄tnis von Putnam zu unserer 
    Lehre im zweiten Artikel; er giebt uns dreien 
    dabei folgenden schönen Charakter nach 
    dem Herzen eines Puritaners: … Ja, aber das 
    Heft ist wie ich sehe, bereits ausgeliehen und 
    ich kann Ihnen die Stelle nicht abschreiben! 
    Dann einen prächtig geratenen Hamletaufsatz 
    von Jones, der jetzt die Hinderniße glücklich 
    überwunden hat u, wie mir scheint, dank seiner 
    Vielseitigkeit und Gewandtheit Brill bald den 
    Vorrang abgewon̄en haben wird. Es war doch 
    gut, ihn damals nicht zu opfern.

    Jung ist wieder aus seinen persönlichen Wirrsalen 
    aufgetaucht u ich habe mich rasch mit ihm versöhnt, 
    weil ich ja nicht böse, sondern nur besorgt war. 
    Ich erwarte jetzt die Vorschläge über die Details 
    des Kongreßes. Mit meinen ungezogenen 
    Jungen in Wien schlage ich mich weiter herum, 
    verschwende viel Erziehungsarbeit an ihnen, 
    wahrscheinlich vergeblich.

    Habe ich Ihnen schon meine Lösung über die Natur 
    des Ubw mitgetheilt? Ich bin ganz außer Über-
    sicht durch die Unterbrechung. Wenn nicht, folgt 
    sie nächstes Mal, insofern Sie sie verlangen.

    Mit herzlichem Gruß u viele Nachrichten 
    noch vor Nürnberg erwartend
    Ihr Freud

     

    Anmerkungen aus: Brabant, Eva; Ernst Falzeder, Giamperi-Deutsch; Patrizia (Hg.): Sigmund Freud / Sandor Ferenczi Briefwechsel. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1993-2005. 1993 in Band I/1 (1908 –1911)

    Wiss-Hum. Comite:  Das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee, vom Berliner Sexualforscher und -reformer Magnus Hirschfeld (1868-1935) im Kampf um die Legalisierung der Homosexualität ins Leben gerufen. Homosexualität wurde von Hirschfeld weder als heilbar noch strafwürdig, sondern als Spielart der Natur angesehen.

    Herbert Silberer: (1882-1923), Sportjournalist, Ballonfahrer und Privatgelehrter, ab Oktober 1910 Mitglied der Mittwoch-Gesellschaft. Er interessierte sich für Traum- und Symbolforschung, Alchimie und Okkultismus. Freud bezieht sich auf seinen ›Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinationserscheinungen hervorzurufen und zu beobachten‹ (Jahrbuch, 1909, 1, 2. Halbband: S. 513-525).

    Putnam: ›Personal Impressions of Sigmund Freud and His Work, with Special Reference to His Recent Lectures at Clark University‹, Part Two; Journal of Abnormal Psychology, 1910 (Februar/März), 4: S. 372-379.

    Jones:  ›The Oedipus Complex as an Explanation of Hamlet's Mystery, A Study in Motive‹; American Journal of Psychology, 1910, 21: S. 72-113 (deutsch als Heft 10 der Schriften zur angewandten Seelenkunde, 1911).

    Jones nicht zu opfern: Bei Freuds Amerika-Vorlesungen, bei denen Jones anwesend gewesen war. Freud schrieb darüber später an Jones: "Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich mir dieser meiner Einstellung Ihnen gegenüber bewußt wurde - es war eine schlechte; als Sie Worcester nach einer Zeit dunkler Ungereimtheiten Ihrerseits verließen und ich mich mit der Idee vertraut machen mußte, Sie gingen fort, um uns ein Fremder zu werden. Dann fühlte ich, daß es nicht so sein sollte und konnte es nicht anders zeigen, als indem ich Sie zum Zug begleitete und Ihnen die Hand gab, bevor Sie abfuhren" [Übersetzung Falzeder et al.] (Brief vom 24.2.1912; in: Andrew Paskauskas, ›Ernest Jones: A Critical Study of his Scientific Development‹, Doctoral Dissertation, Toronto 1985, S. 160). 
    Für fremdsprachige Ausgaben hier das Orignialzitat: 
    "I remember the first time when I got aware of this my attitude towards you, it was a bad one; when you left Worcester after a time of dark inconsistencies from your side and I had to face the idea that you were going away to become a stranger to us.  Then I felt it ought not to be so and I could not show it otherwise than by accompanying you to the train and shaking hands before you went away."