• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien,...................
    IX., Berggasse 19.

    2 .XI.1901

    Theurer Wilhelm

    Du hast wol ein Recht, von Zeit
    zu Zeit zu erfahren, wie es
    mit Deiner Patientin steht, un
    ich schreibe um so lieber über sie,
    als mir für Anderes die Stim̄ung
    völlig abgeht.

    Du hast mir da einen Fall ausgesucht,
    der für diese Therapie geradezu
    geschaffen ist. Ich kann sagen, es geht
    bis jetzt hervorragend gut, viel-
    leicht auch, weil es mir leicht wird,
    mich für diese Natur zu interessiren.
    Näheres erzähle ich Dir wol einmal
    mündlich, nachdem ich die Discretion
    ungestraft verletzen kann.– Es
    stim̄t aber wieder einmal
    alles, wenigstens mit meiner
    neueren Auffassung u das Instrument

  • S.

    gehorcht willig dem meisternden
    Finger. Nicht daß sie nicht Versuche
    genug machte, mir das Leben
    zu erschweren; solche waren schon
    u werden auch noch kommen.
    Der verstim̄te Brief, auf den
    Du mit richtigen Auskünften
    geantwortet, war die Folge einer
    Bethörung, in die sie mich gestürzt,
    indem sie Berge von Schwierig-
    keiten vor mir aufgethürmt.

    Ein zweites Mal sitze ich ihr gewiß
    weniger leicht auf, habe wenigstens
    den Vorsatz. Sie ist jedenfalls eine
    interessante u wertvolle Person.

    Ich freue mich, Dir dieses
    berichten zu können u
    grüße Dich herzlich
    Dein Sigm