• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    16.9.99
    Theurer Wilhelm

    Auf eine Zeit wie jetzt, in der ich
    täglich kaum 2 Arbeitsstunden zusam̄en-
    bringe, reagire ich doch gelegentlich
    mit einer dumpfen Stim̄ung, nehme
    zur Betäubg allzuviel Traum-
    literatur zu mir, u weiß dann erst
    nicht, wo mir der Kopf steht. So kam es,
    da  ich auf Deine freudige u inter-
    essante Nachricht nicht gleich geant-
    wortet. Es ist doch ein kleiner Italiener, 
    etwas vom Feuer italischer Weine wird 
    in seinen Adern kreisen – oder
    ein Hauch griechischer Schönheit auf ihren
    Zügen lagern; kurz die Eindrücke
    der Mutter werden nicht ohne
    Einfluß auf seine Bildung geblieben
    sein. 

    Der göttliche Marsala steht auch bereits
    auf unserem Tisch, wir können ihn
    aber nur tropfenweise trinken.
    Martha hat die Flaschen gezählt u 
    verwahrt, damit ich mich nicht in der

  • S.

    Einsamkeit dem tröstenden Trunk
    ergebe. Mutter u Kind wollen
    Dienstag, 20. abreisen. Ich gedenke 
    wie jedes Jahr bis z. 25 Juli zu
    bleiben, den Tag darauf ist Martha's
    Geburtstag. Die Aussicht, Dich im Herbst
    an der See zu sehen ist schön
    genug, aber ich fürchte mir
    sind dan̄ heuer die Flügel 
    gebunden. Bis dahin ist ja noch Zeit.
    Zum ersten Mal müßen wir
    auch der Kinder wegen, die
    in die Schule kom̄en, am 14 Sept 
    wieder in Wien sein.

    Das Motto hat Dir nicht gepaßt;
    ich bin auf der Suche nach
    einem anderen. Robert's Beiträge
    werden mit Dank angenom̄en.

    Der Brief von „Marie Eberlein" 
    hat mich sehr überrascht. Ich
    kenne einen Dr Novak nicht,
    er kan̄ natürlich sehr wol mein
    „Schüler" sein. Wen̄ er in 4 Monaten

  • S.

    solche Veränderungen zu Stande bringt,
    so kan̄ er mehr als der Herr Lehrer.
    Vielleicht hat er in seiner Simplicität
    einen einfacheren Weg gefunden
    oder hat es mit simplerem Volk
    zu thun.

    Am Sonntag ist Hochzeit bei Königstein 
    Die Tochter heiratet einen Regiments-
    arzt nach Kaschau in Ungarn. Wir
    werden den Tag über Assistenz
    leisten. Es sind die einzigen warmen
    Freunde, die wir hier haben.

    Oscar will ich nicht nahetreten; er
    bemüht sich, sehr herzlich zu sein, bei
    jedem Anlaß, aber er ist steif 
    u Du kennst ihn ja sonst, bist auch 
    gelegentlich zu hart mit ihm.
    Von ihm habe ich übrigens die
    Nachricht, die mich sehr gefreut
    hat, daß Deine Behandlung Deiner
    Mama wiederum recht gut
    gethan hat. Du hast also wol Recht
    mit der „Beschwerdentherapie."

  • S.

    Die Ankündigung, daß Du im Forschen
    bist, bedeutet vielleicht: anstatt
    im Schreiben? Und schiebt den
    Termin, an dem ich von Dir etwas
    lesen kann, auf?

    Ich habe es heute bei der „Coscienza
    nel sonno" nicht ausgehalten. Wir
    sind in den Prater, zuerst zur
    Urania um eine Vorlesg über
    das Eisen zu h ren, dann in die
    Krieau auf Nachtmal. Es war
    ein herrlicher Frühsommertag 
    wenig Sonnenschein innen 
    Vielleicht ringt sich aus dem Dunkel
    der wunscherfüllende Traum
    los.

    Mit herzlichstem Gruß für
    Dich u die kleine wachsende
    u gedeihende Familie
    Dein Sigm