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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.21 Dez 99
Theurer Wilhelm21.12.99
Noch einen herzlichen Gruß vor
Weihnachten, einer unserer sonstigen
Congreßzeiten. Ich bin nicht ohne eine
frohe Aussicht. Du kennst meinen Traum
der trotzig die Beendigg von Fellner's
Cur verspricht (unter den absurden Tr),
denkst Dir wol auch, wie wichtig mir
dieser eine ausdauernde Patient
geworden ist. Nun scheint es, daß er in
Erfüllg gehen soll. Scheint, sage ich vor-
sichtig, meine es aber mit größerer Sicherheit.
Tief unter allen Phantasien verschüttet
fanden wir eine Scene aus seiner
Urzeit (vor 22 Monaten) auf, die allen
Anforderungen entspricht, u in die alle
übriggelassenen Rätsel ein münden,
die alles zugleich ist, sexuell, harmlos,
natürlich etc. Ich getraue mir noch kaum
daran ordentlich zu glauben. Es ist,
als hätte Schliemann wieder einmal -
S.
das für sagenhaft gehaltene Troja
aufgegraben. Dabei geht es dem
Kerl unverschämt gut. Er hat mir
die Realität meiner Lehren am
eigenen Leibe gezeigt, indem er mir
mit einer überraschenden Wendg
die von mir übersehene Lösung
meiner einstigen Eisenbahnphobie gegeben
Für dies Stück Leistung habe ich ihm
sogar ein Bild Oedipus u die Sphinx
zum Geschenk gemacht. Meine Phobie
also war eine Verarmgsphantasie, oder
besser eine Hungerphobie, von meiner
infantilen Gefräßigkeit abhängig u
durch die Mitgiftlosigkeit meiner
Frau (auf die ich so 7 stolz bin) hervor-
gerufen. Von alledem hörst Du mehr
auf dem nächsten Congreß.Sonst wenig Neues. Eine einzige Kritik
des Buches in der „Gegenwart", als
Kritik inhaltslos, als Referat mangel-
haft, aus meinen eigenen Brocken
schlecht zusam̄engekittet; wegen
des einzigen Wortes „epochal"
will ich alles verziehen haben. -
S.
Das Benehmen der Leute in Wien sonst
sehr ablehnend; ich glaube nicht, daß
ich hier eine öffentliche Besprechg
durchsetzen werde. Wir sind doch schrecklich
weit voraus.Die neue Pat, die ich mit Sicherheit er-
wartete, hat sich wieder verzogen.
So bleibt Deine Hamburgerin der einzige
neue Fall. Diese ist noch recht oft lang-
weili, dazwischen manchmal wacker.
Unlängst beantwortete ich einen Brief
des Vaters. Es bleibt derzeit ein saures
Brod.Breuer garantirt für mich bei Fersel's,
habe ich gehört. Wen̄'s gut geht, hat er
so einen Antheil daran.Zum theoretischen Arbeiten reicht die Kraft
jetzt gar nicht. Am Abend langweile
ich mich also gräßlich. Heuer lerne
ich auch frieren, was ich bis jetzt
nicht zu Stande gebracht. Ich kan̄
vor Frost in meinem Kellerloch
kaum schreiben. -
S.
Die letzte Seite der Neugierde, wie es
Dir und den Deinigen, besonders Paulinchen
geht. Ich hoffe, die Zeit des Gedeihens
hat sich für sie aufgethan.Der Ditha Rotenberg geht es noch im̄er
schlecht. Ich glaube freilich, daß es nur
Herzhysterie ist. Den ersten Anfall, als
der Vater noch lebte, habe ich gesehen
u weiß, was ich gesehen habe.Gersuny's Frau soll im Sterben liegen.
Oscar kom̄t wegen reines Abscesses
täglich zu Mathilde. Die Fratzen sind
sonst wol u fesch. Martin verträgt
die Schule gut u Oli ist auf der Höhe,
erledigt alles spielend.So altere ich geduldig weiteren Ergebnißen
entgegen. Ein Congreß wäre eine
schöne Unterbrechg – aber auf
italischem Boden einmal.Sei herzlichst gegrüßt
von Deinem Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F13