• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a.d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    11.3.1902

    Theurer Wilhelm

    Was so eine Excellenz alles zu Stande
    bringt! Sogar, daß ich wieder einmal
    Deine traute Stimme in einem Brief
    vernehme. Da Du aber so schöne Dinge
    an die Nachricht knüpfest, von Anerken-
    nung, Meisterschaft etc fühle ich mich
    im gewohnten schädlichen Aufrichtig-
    keitsdrang verpflichtet, Dir zu schreiben
    wie es denn endlich doch gegangen ist.

    Mein Verdienst nämlich. Als ich
    von Rom zurück kam, war die Lust
    am Leben u Wirken etwas gesteigert
    die am Martyrium etwas verringert
    bei mir. Meine Praxis fand ich recht
    eingeschmolzen, meine letzte Publikation
    zog ich vom Druck zurück, da ich kurz
    vorher an Dir meinen letzten Publikum
    verloren hattex). Ich konnte mir denken,

    x) Nestroy soll, als er einmal durchs Guckloch
    vor einem Benefize schauend nur
    zwei Peronen im Parterre erblickte,
    ausgerufen haben: Den einen „Publikum"

    kenn ich, der hat eine Freikarte. Ob
    der andere Publikum auch eine
    Freikarte hat, weiß ich nicht.

  • S.

    daß das Warten auf Anerkennung
    noch ein ziemliches Stück meiner
    Lebenszeit in Anspruch nehmen
    würde, u daß sich unterdeß kein
    Nebenmensch um mich beküm̄ern
    würde. Und ich wollte doch Rom
    wiedersehen, meine Kranken pflegen
    u meine Kinder bei guter Stimmung
    erhalten. So beschloß ich denn, mit der
    strengen Tugend zu brechen u zweck-
    mäßige Schritte zu thun, wie andere
    Menschenkinder auch. Von etwas muß
    man sein Heil erwarten können
    u wählte den Titel zum Heiland.
    Vier Jahre lang hatte ich auch nicht ein
    Wort für ihn aufgewendet, jetzt
    kündigte ich mich bei meinem alten
    Lehrer Exner an. Er war so unliebens-
    würdig als möglich, fast grob, wollte mir
    von ange Gründen für meine Zurück-

  • S.

    setzung nichts verraten, warf sich ganz in
    die Rolle des hohen Beamten. Erst nachdem
    ich ihn durch einige spöttische Bemerkungen
    über die Thätigkeit des hohen Ministeriums
    in Aufruhr gebracht, verrieth er mir
    etwas Dunkles von persönlichen Einflüßen,
    die bei Seiner Exz gegen mich thätig seien,
    und rieth mir, einen persönlichen Gegen-
    einfluß zu suchen. Ich konnte ihm ankündigen,
    daß ich meine alte Freundin u frühere
    Patientin, die Frau des Hofrathes Gomperz,
    ansprechen könnte. Das schien ihm selbst zu
    gefallen. Frau Elise war sehr liebenswürdig
    u nahm sich der Sache warm an. Sie besuchte
    den Minister u bekam eine erstaunte
    Miene zur Antwort: 4 Jahre? Und
    wer ist das? Der Fuchs that, als sei
    ich ihm unbekannt. Jedenfalls sei
    ein neuer Vorschlag nothwendig.
    Ich schrieb nun an Nothnagel u Krafft-
    Ebing, der kurz vor seinem Rücktritt
    war u bat sie, ihren damaligen
    Vorschlag zu erneuern. Beide benahmen
    sich reizend. N. schrieb nach einigen

     

  • S.

    Tagen: Ich habe mit KE gesprochen und
    dieser wieder nach einigen Tagen: Wir
    haben den Vorschlag eingebracht.
    Der Minister wich aber Gomperz hart-
    näckig aus u die Sache schien wieder
    zu verlaufen.

    Da trat eine andere Kraft in Aktion,
    eine meiner Patientinnen, Marie
    Ferstel (die in einigen Wochen mit ihrem
    Mann, als österr. Generalconsul) nach
    Berlin übersiedeln wird, hatte von der
    Sache gehört u begann auf eigene
    Faust zu wühlen. Sie ruhte nicht, bis sie
    die Bekan̄tschaft des Ministers in
    einer Gesellschaft gemacht, verstand es
    sich ihm zu empfehlen u ließ ihn dann
    durch eine gemeinsame Freundin
    versprechen, daß er ihren Arzt, der sie
    gesund gemacht, zum Professor ernen̄en
    werde. Genügend aufgeklärt darüber,
    daß ein erstes Versprechen von ihm

  • S.

    soviel wie nichts bedeute, stellte sie ihn
    dann persönlich, u ich glaube, wenn ein
    gewißer Böcklin sich in ihrem Besitz
    befände anstatt in dem ihrer Tante 
    Ernestine Morsch, wäre ich drei Monate
    früher ernannt worden So wird sich SE
    Exc. mit einem modernen Bild für
    die Gallerie begnügen müßen, die er
    jetzt, natürlich nicht für die eigene
    Person, schaffen will. Endlich also, als
    der Minister zu Tische bei meiner
    Patientin war, machte er ihr gnädigst
    die Mittheilg, der Akt befinde sich
    schon beim Kaiser, u sie werde die
    erste sein, der er von dem Vollzug
    der Ernen̄ung Kunde gebe.

    Sie kam dan̄ auch eines Tages strahlend
    u einen pneumatischen Brief des Ministers
    schwingend zur Arbeit. Es war also erreicht.

  • S.

    Die Wiener Zeitung hat die Ernennung noch
    nicht gebracht, aber die Nachricht,
    daß sie bevorstehe, hat sich von
    der amtlichen Stelle aus rasch
    verbreitet. Die Theilnahme der Be-
    völkerung ist sehr groß. Es regnet auch
    jetzt schon Glückwünsche u Blumen-
    spenden, als sei die Rolle der Sexualität
    plötzlich von Sr Majestät amtlich anerkan̄t,
    die Bedeutung des Traumes vom
    Ministerrath bestätigt, u die Noth-
    wendigkeit einer psychoanalytischen
    Therapie der Hysterie mit 2/3 Majorität
    im Parlament durchgedrungen.

    Ich bin offenbar wieder ehrlich geworden,
    die scheu gewordensten Verehrer
    grüßen auf der Straße von Weitem.

    Ich selbst gebe noch im̄er je fünf
    Gratulationen für einen an-
    ständigen Fall zur längeren

  • S.

    Behandlung. Ich habe gelernt, daß diese
    alte Welt von der Autorität regirt
    wird wie die neue vom Dollar.
    Ich habe meine erste Verbeugung
    vor der Autorität gemacht, darf
    also hoffen, belohnt zu werden. Wenn
    die Wirkung auf die ferneren Kreise so groß ist wie auf die
    näheren, so dürfte ich mit Recht
    hoffen.

    In der ganzen Geschichte giebt es eine
    Person mit sehr langen Ohren,
    die in Deinem Brief nicht genügend
    gewürdigt wird, das bin: Ich. Wenn
    ich die paar Schritte vor 3 Jahren
    unternom̄en hätte, wäre ich vor 3 Jahren
    ernannt worden u hätte mir mancherlei
    erspart. Andere sind eben so klug,
    ohne erst nach Rom gehen zu müßen.

  • S.

    Das also ist der ruhmreiche Vorgang,
    dem ich unter anderen auch Deinen
    freundlichen Brief verdanke.

    Ich bitte Dich, behalte den Inhalt
    dieses Schreibens für Dich.

    Ich danke Dir u grüße Dich herzlich
    Dein Sigm