• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    9 Nov 99
    Theurer Wilhelm
     

    So hatte ich doch Recht, als mir Dein
    Schweigen auffällig u unheimlich vor-
    kam. Ich war schon auf dem Wege, mir
    eine Erklärg zu schaffen, die ich
    dan̄ doch verwarf, weil ich Dich 
    als völlig frei von allem Nerven-
    Schigan kenne. Ich meinte, irgend
    etwas in dem Trbuch hätte Dich
    allzu stark abgestoßen. Ich denke
    aber, die Bedingg, daß man sich
    blos Günstiges mittheilen solle, ist
    unter Freunden nicht strenge festzu-
    halten. Wohin geräth man dan̄, wenn
    das Schicksal ihr nicht günstig ist? Ich
    habe mich im̄er anders benom̄en;
    seit Wochenjam̄ere ich Dir vor, wo ich
    Anlaß dazu habe, auf die Gefahr
    hin, Dich abzustoßen, in der Erwartung,
    daß es Dich nicht abstoßen wird; 
    wenn ich Dir auch gewiß lieber
    Gutes u Hoffnungsvolles mittheilen
    möchte

  • S.

    Wen̄ es sich um Dinge handelte, die
    Du vor Deiner Familie hier u
    weiteren Kreisen geheim halten
    willst, brauchst Du es ja nur mit
    einem Worte – wie dießmal – anzu-
    deuten. Ich verstehe zu schweigen, wo ein
    Anlaß dazu ist; entbehre auch in
    diesem Moment nicht des Beweises.

    Dein armes Paulinchen leidet also
    soviel, u ich kenne es gar nicht einmal.
    Die Kleine meiner Schwester, die vor
    1/2 Jahr so elend heruntergekom̄en
    war, strotzt heute vor Kraft u Über-
    mut, und so ist unser erster u 
    stärkster Gedanke in solch einem
    Falle, daß Kinder das Meiste über-
    stehen. Als Mathilde ihre zweite
    Diphth. hatte, kam ein Universitäts-
    college ärztlich in das Haus Nr 19.
    Er erkundigte sich, wie uns der Haus-
    meister dan̄ erzählte, mit den Worten:
    ob das Freud-Mädel schon todt sei.
    Es war auch echt christlich. Das

  • S.

    Mädel lebt aber noch heute u wächst
    ungebührlich lang u. zum Glück auch breit.
    Bei allen anderen hat eine Epidemie
    von fieberhaften Katarrhen gewütet
    einige haben auch Diarrhoen gehabt 
    Das Unangenehmste daran war, daß
    einzelne mit einem Anfall nicht
    genug hatten. Gerade heute hat Sophie
    mit neuerlicher Diarrhoe u Fieber begonnen,
    die Tracheal-u Nasenkatarrhe der
    anderen sind im Ablaufen. Ernst hat
    auch ohne ersichtliche Gründe nachmittägliche
    Temp. Steigerg durch 2 Wochen gehabt.
    Die beiden Mütter behaupten, um mich
    ängstlich zu machen, daß er ihrem an Tbc
    verstorbenen Bruder Isaac zu ähnlich
    ist.

    Von dem Ahngstr, den ich durchschaut habe 
    u vom Stückchen Sexualtheorie möchte
    ich Dir gerne schreiben u werde es
    sicherlich thun, wen̄ Du wieder einen
    freien Kopf hast u ich eine bessere
    Hand. Ich befinde mich nämlich
    unzweifelhaft in einer Zeit von

  • S.

    leichtem Schreibkrampf, den Du meiner
    Schrift vielleicht schon angesehen hast,
    u daß ich die Ergebniße meiner
    4 Analysen jeden Abend notire 
    steigert ihn nur. Heute wäre es
    mir fast unmöglich, mit Lust etwas 
    zu schreiben. 

    Ich erwarte von Dir also wen̄ auch nicht
    viel, so doch bald zu hören, daß es
    bei Frau und Kind gut u sehr gut
    geht.

    Mit herzlichstem Gruß u 
    dem im̄er regen Bedauern, soviel
    von Dir getrennt zu sein,
    Dein Sigm