• S.

    Aussee 31. 8. 98
    Theurer Wilhelm

    Ich reise heute Mittag mit
    Martha an die Adria, ob
    Ragusa, Grado oder sonst
    was, soll sich unterwegs ent-
    scheiden. „Sein letztes Hemd soll man
    verkaufen u ein reicher Mann
    sein dafür", sagt ein excentrisch 
    scheinender aber weiser Spruch.
    Das Geheimniß dieser Ruhelosigkeit 
    ist die Hysterie. In der Untätigkeit
    ohne fesselnde Neuheit hier hat
    sich die ganze Angelegenheit mir
    drückend schwer auf die Seele
    gelegt. Meine Arbeit kom̄t mir
    sehr entwerthet vor, die Desorient-
    irg complet, die Zeit, von der wieder
    ein rundes Jahr ohne greifbaren
    Fortschritt in den Principien
    vergangen ist, als incommensurabel 

  • S.

    mit den Zeitforderungen des
    Problems. Dazu ist es die Arbeit 
    auf deren Gelingen ich meine
    bürgerliche Existenz gesetzt habe. 
    Die Erfolge sind zwar gut, aber
    n vielleicht nur indirekt, als
    hätte ich den Hebel in einer Richtg
    angesetzt, die allerdings eine
    brauchbare Componente für
    die Spaltrichtg des Zeugs abgiebt;
    letztere bliebe mir aber selbst
    unbekannt. So will ich mir ent-
    fliehen u möglichst Frische u 
    Objektivität sammeln, da ich
    die Arbeit doch nicht verlassen
    kann.

    In der Psychologie geht es besser.
    Bei Lipps habe ich die Grund-
    züge meiner Einsicht ganz klar
    wiedergefunden vielleicht
    etwas mehr, als mir recht
    ist. „Der Sucher fand oft mehr,
    als er zu finden wünschte!
    Das Bew nur Sinnesorgan,

  • S.

    aller psychische Inhalt nur Vorstellg, 
    die seelischen Vorgänge sämtlich
    unbewußt. Auch in den Einzelheiten 
    ist die Übereinstim̄g groß, vielleicht
    kom̄t später die Gabelung, von der
    aus mein Neues ansetzen kann.
    Ich habe etwa ein kleines Drittel
    durchgearbeitet. Bei den Tonverhält-
    nißen bin ich stehen geblieben, die
    mir im̄er ärgerlich waren, weil
    mir hier die elementarsten Kenntniße
    fehlen, dank der Verküm̄erg
    meiner akust. Sinnesempfindungen.

    Die große Neuigkeit des Tages, das
    Manifest des Zaren hat mich auch 
    persönlich berührt. Ich habe vor
    Jahren schon die Diagnose gemacht, 
    daß der junge Mann zum Glück
    für uns – an Zwangsvorstellungen 
    leidet, übergut ist und „kein Blut
    sehen kann", wie der Koko
    im „Mikado", der dabei Oberscharf-
    richter ist. Es könnte zwei Leuten
    geholfen werden, wenn man mich

  • S.

    mit ihm zusam̄enbrächte. Ich gehe
    auf 1 Jahr nach Russland, nehme
    ihm so viel weg, daß er nicht 
    leidet, u lasse so viel übrig, daß 
    er keinen Krieg anfängt. Von
    da an halten wir 3 Congreße
    im Jahr, ausschließlich auf italischem
    Boden u ich behandle nur mehr
    gratis. – Nebstbei glaube ich, daß auch
    er mit gemischten Motiven arbeitet
    und daß das egoistische bei dem
    Manifest die Absicht ist, sich durch
    die friedliche Auftheilung China's
    auf dieser Conferenz befriedigen
    zu lassen.

    Das Unvergängliche an dem Manifest
    ist übrigens die revolutionäre 
    Sprache. Jeder Leitartikler eines
    demokrat. Organs wird wegen
    solcher Äußergen über den
    Militarismus in Österreich confiscirt 
    in Russland selbst nach Sibirien
    geschickt.

    Ich grüße Dich, lda, Robert u Paulinchen 
    herzlich u werde Dir weitere
    Nachricht von der Reise
    ​​​​​​​geben.
    Dein Sigm.