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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.9 Dez 99
Theurer WilhelmDurch Deine letzte Anwesenheit
ist mein Durst nach Personalien
von Dir noch etwas gesättigt. Ich
kan̄ mich also ruhig wissenschaftlichen
Dingen zuwenden.Vielleicht ist mir unlängst ein erster
Einblick in neue Dinge gelungen.
Vor mir steht als Problem das der
„Neurosenwal". Wan̄ wird ein
Mensch hyst. anstatt paranoisch?
Ein erster roher Versuch zur Zeit,
da ich im Sturm die Festg bezwingen
wollte, meinte, es hinge vom Alter
ab, in dem die sex Traumen vorfallen
vom Erlebensalter. Das ist längst aufge-
geben, dan̄ blieb ich ahnungslos bis
vor wenigen Tagen, wo sich mir ein
Zusam̄enhang mit der rSexualtheorie
eröffnete. -
S.
Das unterste in der Sexualschichtung
ist der Autoerotismus, der auf ein
psychosex Ziel verzichtet u nur die
lokal befriedigende Empfindg ver-
langt. Er wird dan̄ vom Allo- (Homo-
u Heteroerotism) abgelöst besteht
aber gewiß als besondere Strömung
fort. Die Hy (u ihre Abart, die Zwangsneur)
ist alloerotisch, ihr Hauptweg ist ja
die Identificirg mit der geliebten
Person. Die Paranoia löst die Identific
wieder auf, sie stellt alle die
weggelassenen Liebespersonen der Kind-
heit wieder her (Vgl die Erörterg
zu den Exhibitionsträumen) u löst
das Ich selbst in fremde Personen
auf. So bin ich darauf gekom̄en
die Paranoia als einen Vorstoß
der autoerotischen Strömg zu betrachten
als eine Rückkehr auf den damaligen
Standpunkt. Die ihr entsprechende
Perversionsbildg wäre die sog. originäre
Verrücktheit. Die bes. Beziehungen -
S.
des Autoerotismus zum ursprüngl „Ich"
würden den Character dieser Neurose
gut beleuchten. Hier reißt der Faden
wieder ab.Ungefähr gleichzeitig kom̄en zwei meiner
Pat auf die Vorwürfe nach Kranken-
pflege u Tod der Eltern u zeigen mir,
daß meineT räume hierin das Typische
getroffen haben. Es ist jedesmal die Rache,
Schadenfreude, Genugthuung über die
Excretionsschwierigkeiten der Kranken
(Harn u Stuhl), an die der Vorwurf
anzuknüpfen hat. Ein wirklich unbeachteter
Winkel des Seelenlebens.Maggie geht vorwärts, dürfte eine
langsame Arbeiterin bleiben. Ich
sehe aber keinen Anlaß zur Befürchtg,
daß es irgendwo scheitern könnte.14 Dez. Es ist wol eine Seltenheit, daß
Du eher zum Schreiben kom̄st als
ich. Die Öde der letzten Tage hat die
Vollendung aufgehalten. Eine Weihnachts-
zeit in der man sich des Kaufens
enthalten muß, drückt ein wenig -
S.
auf die Stim̄ung. Daß Wien nicht der
richtige Ort für uns ist, wissen wir
ja. Discretion verlangte, Dich Deiner
Familie nicht zu viel zu entziehen.
Dem älteren Anspruch stand der innigere
entgegen. So ward der Abschied am Bahnhof
nur zum Symbol.Deine Nachricht von dem Dutzend Leser
in Berlin erfreut mich sehr. Leser habe
ich wol auch hier, für Anhängerschaft
wird die Zeit nicht reif sein. Es ist zuviel
des Neuen u Unglaublichen u zu wenig
strenger Beweis. Auch bei meinem
Philosophen habe ich es, während er mir
die glänzendsten Bestätigungen am
Material lieferte, nicht zur Überzeugg
gebracht. Die Intelligenz ist im̄er schwach
u der Philosoph hat es leicht, inneren
Widerstand in logischen Widerspruch
zu verwandeln.Wieder ist eine neue Behandlg in naher
Sicht. Bis auf meinen Schnupfen
herrscht bei uns Wolsein. Ich
schreibe nochmals, ehe der/die Anköm̄ling/in
zu Dir in's Haus kom̄t.Herzlichsten Gruß an alle
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
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