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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a.d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.9.6.1901
Theurer WilhelmIch benütze diesen sonderbaren
Sonntag, um Dir wieder einmal zu
schreiben. Es ist der erste, an dem ich
ganz frei bin, durch nichts erinnert
werde, daß ich sonst Arzt bin. Meine
uralte Dame, die ich täglich zweimal zu
bestim̄ten Zeiten besuche, ist gestern auf's
Land gebracht worden, u ich schaue alle
Viertelstunden auf die Uhr, ob ich sie
nicht schon zu lange auf die Injektion
warten lasse. So verspürt man noch die
abgenom̄ene Fessel u weiß sich seiner
Freiheit nicht zu freuen.Ich will Deine Fragen beantworten:
Unser Som̄eraufenthalt ist noch immer
nicht sicher gestellt. Ich denke mir, er
wird in die Nähe von Salzburg fallen,
die Unterhandlungen mit einer Pension
auf dem Salzberg bei Berchtesgaden
ziehen sich durch die Schwerfälligkeit der
guten Leute etwas in die Länge. Um -
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Pfingsten war ich mit meinem Bruder auf
der Suche in Vorarlberg. Die Nähe der Schweiz
u die mäßigen Preise hatten uns verlockt.
Es wurde aber nichts daraus. Die Reise-
kosten heben die Pensionsersparniß wieder
auf, u die landschaftlichen Vorzüge recht-
fertigen nicht den Aufwand. Es war übrigens
mehr ein Vorwand für einen Pfingst-
ausflug als eine ernste Absicht; einen
Tag haben wir auf dem Bodensee
verbracht.Das Alltagsleben erscheint in der Juli-
num̄er der Monatsschrift. Wenn ich mich
des Urtheils über meine Arbeiten
enthalten wollte, bliebe für sie nur
Dein günstiges Urtheil übrig. „Traum
u Hysterie« ist abgeschickt u dürfte das Licht
der erstaunten Öffentlichkeit erst
im Herbst erblicken.„Bresgen" wird gewiß willkom̄en sein.
Meine Schwägerin ist gestern aus
der Anstalt in Edlach gekommen
u reist morgen früh zu ihrer Mutter
nach Reichenhall. Es geht besser, dh: -
S.
sie kann etwa 3/4 St. ohne Beschwerden gehen.
Die Schmerzen von dem Ulcus quälen sie
in unregelmäßigen Anfällen, nach
der Ärzte Angabe (Oscar und Dr. Konried)
ist das Vitium jetzt etablirt. Ich weiß,
daß man das einen guten Ausgang heißen
muß. Da er mir nicht selbstverständlich
war, bin ich sehr zufrieden.Frau und Kinder waren wol. Die Hitze ist
sehr arg gewesen. Heute lechzen wir
förmlich nach Gewitter oder Regen.
Wir sollen den Abend mit Oscar d Mela
vor ihrer Übersiedlung verbringen,
Frl. Haller dabei, deren Eltern morgen
früh ankom̄en werden u mir auch
wie eine Gewitterwolke, aber keine
ersehnte, bevorstehen.Du hast mich an die schöne u schwere Zeit
erinnert, da ich mich dem Ende des
Lebens sehr nahe glauben mußte u
Deine Zuversicht mich gehalten hat. Ich
habe mich dabei gewiß nicht sehr muthig
u nicht sehr weise benom̄en. Ich war
zu jung, die Instinkte noch alle zu hungerig
die Neugierde noch zu groß, als daß ich -
S.
hätte gleichgiltig bleiben können. Dein
Optimismus hat aber mir immer gefehlt.
Es ist gewiß thöricht, Leiden u Sterben aus
der Welt weisen zu wollen, wie wir's
in unseren Neujahrsgratulationen thun,
u nicht dazu haben wir uns den lieben
Herrgott abgeschafft, um beides von uns
u den Unserigen auf die Fremden zu
wälzen.Heute bin ich also ergebener u bereiter
zu ertragen, was kom̄en wird. Es ist kein
Zweifel, daß nicht alle Wünsche in Er-
füllung gehen. Einiges, wonach ich heiß
gestrebt, ist schon heute außer Möglichkeit
gekom̄en; warum soll ich nicht jedes Jahr
eine neue Hoffnung begraben müssen?
Stim̄st Du nicht bei, so kann es ein Versuch
der Beschwichtigg, es kann auch durch
Freundschaft abgelenktes Urtheil sein.Richtig ist, daß man den Klagenden
schwer verträgt. Auch das habe ich einsehen
gelernt. Ich bin jetzt mit meiner Stim̄ung
seit vielen Wochen sehr zufrieden.Ich hoffe bald von Dir u den Deinigen
Gutes zu hören u grüße Dich
herzlich
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße
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