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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.8.I 1900
Theurer WilhelmIch freue mich, von meinem Freund Conrad
zu hören. Schon nach den wenigen
Proben seines Benehmens möchte
ich urtheilen, er ist ein braver Junge.
Ob er sich nun den Namen oder die
von mir gefeierten merkwürdigen
Umstände seiner Geburt zur Richtschnur
für sein späteres Wirken wählt,
ich glaube vorhersagen zu können,
er hat etwas Tüchtiges u Verläßliches
an sich, u was er anpackt, wird
ihm gelingen. Ich behalte mir vor, seine
persönliche Bekanntschaft zu machen,
wen̄ er erst über das Schwerste
hinaus ist.Das neue Jahrhundert, von dem uns
am Interessantesten sein dürfte,
daß es unsere Todesdaten in sich
schließt, hat mir nichts gebracht als -
S.
ein blödes Referat in der „Zeit« von dem
ehemaligen Burgtheaterdirektor Burk-
hard (mit unserem alten Jacob ja nicht
zu verwechseln). Es ist wenig schmeiche-
lhaft, ungemein verständnißlos u was
das Ärgste daran – in nächster Num̄er
fortzusetzen. Selbst Oscar Rie findet,
es seien Einwände, die man macht,
ehe man das Buch gelesen hat.Auf Anerken̄ung zu Lebzeiten
wenigstens rechne ich nicht. Möge es
Dir besser zu gehen! Du wirst Dich
wenigstens an ein anständigeres, im
Denken geschultes Publikum wenden
können. Ich habe in dunklen Dingen
mit Leuten zu thun, dienen ich um
10-15 J. voraus bin, u die mich nicht
einholen werden. Ich suche also nur
Ruhe u etwas materielles Behagen
Ich arbeite nichts u es ist still in mir.
Kom̄t die Sexualtheorie, so werde
ich sie anhören. Wenn nicht, dann
nicht. Ich lese abends Prähistorie -
S.
udgl ohne ernste Absicht, denke sonst nur
daran, die Fälle in guter Stim̄ung weiter
zur Lösung zu führen. Maggie Haller
rührt sich, macht mir Vergnügen; es
ist natürlich eine Arbeit auf lange
Zeit. Sie war großartig verfahren.
Bei Fellner kom̄t die zweite echte
Scene, durch Jahre vorbereitet, sogar
eine, die sich durch Nachfragen bei
seiner älteren Schwester vielleicht
wird objektiv bestätigen lassen.
Dahinter naht etwas Drittes, lange Ver-
muthetes.Martin hat sich gestern Mittags plötzlich mit
Fieber gelegt. Heute ist es eine Otitis
media. Oli hat heute – Mumps. Es steht
uns also allerlei bevor. Mathilde
ist hergestellt, aber recht herunter-
gekom̄en. In allen anderen Hinsichten
sind die Fratzen sehr befriedigend.
Mein Schnupfen eilt mir voran, er ist
schon jetzt unsterblich. -
S.
Daß wir hier im̄er mehr herunterkom̄en
ist traurig. Denke Dir, am 1 Jan, an dem
die Kronenwährg begon̄en hat5, gab
es noch keine Postkarten zu kaufen,
die 5 Heller kosten sollen; die Post hat
aber trotzdem für die Verwendung
der alten mit 2Kr Marke Strafporto
eingehoben. Es gab auch noch keine
1 Hellermarken als Zusatz. Die neuen
Geldsorten zu 5 u 10 Kronen werden erst
Ende März ausgegeben. Ganz Oester-
reich liegt in diesen Details. Du
wirst mir einmal einige Söhne nach
Berlin nehmen müßen, meinetwegen
um sie weiter in die Welt zu schicken.Nun laß keine so lange Pause
mehr eintreten (24 Dez - 7 Jan = 14=28/2)
u grüße herzlich von uns Deine liebe
Frau als glückliche dreifache Mutter
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F14