• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien,...................
    IX., Berggasse 19.

    7 Okt .1901

    Theurer Wilhelm

    Vor 3 Wochen kam die von Dir
    geschickte Frau Maria Eberlein bei
    mir an; es gehört sich also längst,
    daß ich Dir über sie berichte.

    Sie ist natürlich ganz die Person, die
    ich brauche; ein schwerer constitution-
    eller  Fall, bei dem alle Schlüßel paßen
    alle Saiten nachhallen. Schmerzloses
    Arbeiten ist bei ihr kaum möglich,
    dazu hat sie Schmerzen u Schmerzen
    Bereiten zu gerne; aber der Erfolg
    müßte sicher u dauernd sein.

    Leider stehen andere Dinge im Wege.
    Der Mann, der bei aller Künstler-
    schaft, schwer meschugge scheint – er
    war mit ihr da – ist noch im̄er
    nicht einverstanden; er hat sie nur
    für 3 Monate frei gegeben

  • S.

    was ich antürlich zurückgewisen, aber
    auch diese Concession ist keine,
    denn er wollte sie am nächsten
    Abend noch einpacken, und sie er-
    wartet täglich, daß er kommen
    wird sie zu holen. Dann wird
    sie aber mit ihm gehen. Sie hält
    es auch bereits nicht mehr ohne
    ihn aus.

    Wenn es so mit der Zeitbereitschaft
    geht, scheint es mit der Geldbereitschaft
    nicht viel sicherer zu sein. Liegt
    Alles nun wirkich so ungünstig
    oder gelingt es ihr bereits, mich
    so zu verwirren; kurz, es ist gar
    nicht unmöglich, daß ich nächstens
    erkläre, auf so unsicherem
    Fundament beginnt man besser
    nicht zu bauen. Daß sie in 3
    Monaten etwas Wertvolles ereeicht,
    ist bei all ihrer Intelligenz sehr
    unwahrscheinlich. Der Mann

  • S.

    aber ist mir mit so deutlichem eifersüchtigem
    Mißtrauen entgegengekom̄en, daß
    ich nicht hoffen kann, ihm in einer
    Auseinandersetzung einen Eindruck
    zu machen.

    Vielelicht leimt sich noch alles. Ich
    wollte Dich nur auf die Möglichkeit
    vorbereiten, daß Du sie eher
    wiedersiehst als Du erwartest
    u meine Rchtfertigung, wenn ich
    Deiner großen Bemühung so entsprechen
    muß, vorarbeiten.

    Infolge der Seltenheit unseres
    Verkehrs habe ich Dir noch nicht
    danken können.

    Mit herzl Gruß
    Dein SIgm