• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    18. 5. 98
    Theurer Wilhelm

    Ich habe gezögert, weil ich Dir noch
    einen Abschnitt vom Traum vor
    Deiner Reise nach Berlin schicken
    wollte, durch Deine gütige Kritik
    ermuntert. Aber ich sehe, ich werde
    nicht fertig. Die Zeit ist ja erfreulich
    schnell vergangen. Ich höre, Du kom̄st
    in 10 Tagen.

    Alles was Du willst, wird verändert
    werden u Beiträge werden gar
    dankend angenom̄en. Ich bin so un-
    endlich froh, daß Du mir einen
    Anderen schenkst, einen Kritiker
    u Leser u noch dazu von Deiner
    Qualität. Ganz ohne Publikum
    kan̄ ich nicht schreiben, kan̄ mir
    aber ganz gut gefallen lassen, daß
    ich es nur für Dich schreibe.

  • S.

    Mein Interesse für Deine Mitbrachten
    wird sicherlich erwachen, sobald
    Du da bist. Mir selbst überlassen,
    stecke ich natürlich einzig im
    Traum u verlange mir für eine
    Zeit nichts Besseres. Das Aller-
    schwierigste, die Auflösg des psychischen
    Vorgangs im Traum, steht noch
    vor mir u soll erst nach der
    Auffrischg unseres Congreßes in
    Angriff genom̄en werden.

    Die Kinder wirst Du nicht sehen,
    sie gehen schon Montag nach Aussee.
    Martha bleibt mit Mathilde, damit
    Du sie siehst. Die Reise nach Berlin
    möchte ich den beiden gerne ersparen,
    weil ich heuer recht wenig Geld
    habe. Wenn Du also findest, daß sie
    es nicht bedarf – ihr Tic ist auch kaum
    merkbar, so gehen sie sehr bald
    nach Aussee nach Pfingsten.

  • S.

    Wen̄ Du willst, gehen wir beide nach Graz,
    zur Congreßstadt rechtgeeignet.
    Es kom̄t auf die Zeit Deines Auf-
    enthaltes hier u auf die Opfer-
    fähigkeit Deiner Wiener Familie
    an.

    Gatte'ls Arbeit habe ich gestern bekom̄en.
    Mein Eindruck war kein ganz
    ungünstiger. Ich habe seinerzeit gar
    nichts corrigirt u muß es jetzt gründlich
    durchlesen.

    Wenn wir gemeinsam die Lebens-
    perioden durchmachen, wie es
    manchmal schien, so mußt Du jetzt
    auch eine bessere Zeit haben.
    Ich halte jetzt Allem stand. Die
    Gewöhng zu arbeiten – am Traum – 
    thut mir nach der Hyquälerei sehr 
    woll. Ich erwarte Deine näheren
    Mittheilungen froh; sind es
    doch seit Weihnachten fast 5
    Monate. Mit herzlichst Grüßen
    an I. F. RWF u WF
    Dein Sigm