• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    30.X.98
    Theurer Wilhelm

    Nachdem ich meinen letzten Glückwunsch-
    brief abgeschickt, machte ich mir Vor-
    würfe, darin von der traditionellen
    Formulierung, die alles, was Leiden oder
    Krankheit bedeutet, bis auf die letzte
    Spur getilgt haben will abgewichen
    zu sein. Ich wollte rationell scheinen
    u dem, was doch nicht zu vermeiden
    ist, einen Platz u eine Funktion zum 
    Guten einräumen. Es war ein Unsinn,
    denn das Wünschen wird durch keine
    solche Correctur vernünftig. Über Deine 
    erste Andeutung, da Du Dich neuen
    experimentellen Qualen aussetzen
    willst, las ich unaufmerksam hinweg 
    u so war ich sehr überrascht, so bald
    nachher die Nachricht von der Operation
    zu hören. Ich danke Dir herzlichst,
    daß Du dafür besorgt warst, mir
    dieselben Nachrichten wie den Deinigen 
    zukom̄en zu lassen, habe übrigens

  • S.

    heute als am 1. Geburtstage des kleinen
    Norbert (der sehr lieb ist) Deine
    Schwägerin Marie selbst gesprochen.
    Ich hoffe nun zu hören, wie bald
    Du alles überwunden hast, u 
    werde mich gewiß überzeugen können,
    daß Dir ein großes Stück
    Besserung daraus erwachsen ist.

    Wenn Du jetzt etwas anderes benöthigen
    würdest als Ruhe, u ich besser in
    Stim̄ung u allgem. Körperverfassg
    wäre, hätte ich die Feiertage zur
    Reise nach Berlin benützt, aber
    ich brächte Dir jetzt, verschnupft und
    in meine  Erwartungen versunken,
    weder Erfrischung noch Vergnügen.
    Ich habe mich ganz an den einen
    Punkt angesetzt, es gibt zum Glück
    Arbeit u ich will wissen, was da
    herauskom̄t. Deine schmeichelnden 
    Worte haben einen Tag lang
    Sonnenschein über die Situation

  • S.

    gegossen, aber bald kamen sie mir
    wie gefälscht durch persönliche Zuneigung 
    und durch die Absicht zu trösten vor.

    Mit Gattel habe ich Dich nicht belästigt
    u hoffe, Du bleibst auch von seiner
    Seite verschont.

    Du wirst ja bald lesen können.
    Der Kassowitz geht morgen an Dich ab.
    Ich werde häufiger kurz schreiben.

    Mit herzlichsten Grüßen von
    uns allen an Euch alle Dein
    ​​​​​​​Sigm