• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    12 Febr 1900
    Theurer Wilhelm

    12.2.1900

    Wenn ich das Bedürfniß eines öfteren
    Gedankenaustausches mit Dir jetzt häufig
    zurückdränge, so ist es, um nicht klagen
    zu müßen, was ich Dir gerade jetzt ersparen
    möchte, wo Du unter dem Einfluße
    der noch nicht abgelaufenen Erkrankg
    Deiner Mutter stehst. Wünsche für
    Besserg sind wol überflüssig; ich
    möchte, ich könnte Dir helfen, Man man
    könnte in diesen Dingen überhpt
    helfen. Es ist wol eine Art des Alterns,
    aber gewiß nicht weniger schmerzhaft
    darum. Daneben blühen aber die drei
    Enkel auf.

    Beinahe mache ich mir Vorwürfe, Dir nur
    von mir schreiben zu sollen. Vieles, was
    sich sagen ließe, ergiebt sich nicht beim
    Schreiben.

  • S.

    Meine ärztliche Thätigkeit hat sich schon
    seit einer Woche etwas gehoben. Die
    Zeit, wo ich in 5 Ordinationen 1 Patienten
    sah (in allen 5) scheint wieder überwunden.
    Heute habe ich sogar eine neue Behandlg
    begon̄en, von der ich freilich nicht weiß,
    ob sie sich halten wird. Seit heute
    ist auch der Druck von meiner Stim̄g
    gewichen. Könnte ich Dir einmal erzählen,
    welche Umwandlgen ich noch immer
    mit meinen Gedanken über mein
    Arbeitsthema vornehmen muß, also
    was für Irrtümer ich noch zu corrigiren
    finde, u wie schwer das Alles ist, so
    würdest Du für meine neurotischen
    Eigenschwankungen wahrscheinlich viel
    Nachsicht haben, besonders wen̄ Du
    an die Lebenssorgen dabei nicht
    vergißest.

    Minna ist Samstag abds nach Hamburg
    zu Mama gereist, die heuer 70 J. alt
    wird u gegenwärtig an Influenza
    zu Bette liegt. Sie gedenke 3 Wochen

  • S.

    auszubleiben; geht es der alten Frau
    gut, so ist die letzte Woche für Berlin
    bestim̄t. Sie wird dan̄ natürlich nicht
    versäumen, Euch aufzusuchen, um mir
    von den Kindern zu berichten u Dir
    meine herzlichen Grüße zu bringen.

    Martha hat eine sehr gute Zeit, auch die
    Kinder, die sich überhpt anständig
    entwickeln. Mein Bruder, dessen Stellung
    als Fachman̄ im̄er mehr wächst u der zu
    allen Enquêten usw als Vertrauensman̄ 
    der Regierung zugezogen wird, merkt
    doch schon, daß das alles nur Ausnützung
    ist. Er wird nicht einmal den Titel Professor
    bekom̄en, den er sich als Vortragender
    an der Exportakademie verdient hat 
    u mit der Übernahme in den Staatsdienst
    wird es auch nichts. Es ist eben alles
    oesterreichisch in Oesterreich. Er überarbeitet
    sich u Du kennst meine Zukunftssorge
    für ihn. Gegenwärtig ist er 34 Jahre alt.

  • S.

    Ich sträube mich gar nicht, das Stück
    nasaler Therapie von Dir zu erlernen,
    wen̄ wir einmal die Gelegenheit
    dazu finden, aber es ist sehr schwer,
    hier etwas Neues durchzuführen u 
    eine Schwierigkeit liegt auch an mir.
    Du ahnst nicht, wie schwer ich etwas lerne
    u wie leicht Dir etwas vorkom̄t,
    wen̄ Du es kannst.

    Im Ganzen bin ich weiter weg von
    Rom als je, seitdem wir uns ken̄en,
    u die Jugendfrische läßt sehr merklich
    nach. Die Reise ist lang, die Stationen 
    von auf denen man hinausgeworfen
    wird, sehr zahlreich, u es bleibt beim
    „Wenn ich es aushalt".

    Leb recht wol und schreib sehr bald
    wieder Deinem Sigm