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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.Reimer 6 Aug 99
Theurer WilhelmWan̄ hättest Du nicht Recht? Du sprichst
wieder aus, was ich mir leise gedacht
habe, daß dieses erste Kapitel einen
Haufen Leser von den weiteren abhalten
kann. Abers es ist nicht viel zu machen. Bis auf
die Notiz in der Vorrede, die wir am Ende
noch construiren werden. Im Inneren
der Arbeit wolltest Du die Literatur nicht
u hattest recht, am Anfang auch nicht u wieder
Recht. Es geht Dir wie mir, das Geheimniß
dürfte sein, wir mögen sie überhaupt nicht.
Wen̄ wir aber den „Wissenschaftlern" nicht ein
Beil in die Hand geben wollen, das arme
Buch zu erschlagen, müßen wir sie irgendwo
dulden. Nun ist das Ganze so auf eine Spazier-
gangsphantasie angelegt. Anfangs der dunkle
Wald der Autoren (die die Bäume nicht
sehen), aussichtslos, irrwegereich. Dan̄ ein
verdeckter Hohlweg, durch ich den Leser
führe – mein Traummuster mit seinen
Sonderbarkeiten, Details, Indiscretionen,
schlechten Witzen –, u dan̄ plötzlich die
Höhe u die Aussicht u die Anfrage: Bitte, wohin -
S.
wünschen Sie jetzt zu gehen?
Die Corr.-rbogen, die ich Dir schicke brauche ich
natürlich nicht wieder. Da Du im I. Kapitel
nichts beanständet hast, werde ich es jetzt
in der Correctur erledigen. Vom Übrigen ist
noch nichts gesetzt. Du bekom̄st die Bogen sobald
sie anlangen, und das Neue wird darin
angestrichen sein. – Es werden massenhaft
neue Tr eingefügt, die Du hoffentlich
nicht streichen wirst. Pour faire une
omelette il faut casser des oeufs.
Übrigens lauter humana und humaniora
nichts von wirklich Intimem dh. persönlich
Sexuellem. Auch Br. ist möglichst fern
gehalten. Die Arbeit hat mich die letzten
Tage sehr gefreut. „Mir gefällt sie".
sagt Onkel Jonas; für den Erfolg er-
fahrgsgemäß ein schlechtes Zeichen
Den Tr von Robert werde ich mit Deiner
Erlaubniß unter die Hungerträume
der Kinder, nach dem getr. Speiszettel
von Annerl einreihen. Für das Mutuale
setzen wir „Unarth" ein. Das „Groß" in
Kinderträumen muß doch auch einmal -
S.
berücksichtigt werden, es gehört zur Größen-
sucht der Kinder, auch einmal so eine
Schüßel Salat zu essen wie der Papa.
Das Kind hat nie genug, auch nicht
an Wiederholungen. Maßhalten ist
ihm das Schwerstes, so auch dem Neurotiker.
Ich habe es hier ideal gut u bin entsprechend
wol; gegangen wird nur früh u abends
sonst sitze ich bei der Arbeit. Eine
Seite des Hauses hat immer köstlichen
Schatten, wen̄ die andere glüht.
Ich kann mir leicht vorstellen, wie es
in der Stadt ist; aber nicht, wie es
den „Müttern" geht, die Euch jetzt an
Berlin fesseln. Deine Arbeit hat sich
für mich offenbar eingepuppt; ob
sie dann als Schmetterling erhaschen
kann oder ob sie mir zu hoch
fliegt?Heute an einem ausgezeichneten Sonntag
der sich nur durch bleierne Müdigkeit
markiert, muß ich leider nach Reichenhall -
S.
ein paar Verwandte meiner Frau aus
München zu begrüßen. Ich bin
sonst sehr sedentär. Schwämme giebt
es allerdings täglich. Am nächsten
Regentag marschiere ich aber zu Fuß
in mein geliebtes Salzburg, wo ich
endas letzte Mal sogar ein paar
ägyptische Alterthümer aufgestöbert
habe. Die Dinge geben mir Stim̄ung
u sprechen von fernen Zeiten u Ländern.In Wien habe ich einige Male J. J. David
zum Gast gehabt, einen unglücklichen
Menschen u nicht unansehnlichen Dichter.
Kennt lda etwas von ihm?Mit herzlichsten Grüßen u Dank für
Deine Theilnahme am ägyptischen
Traumbuch
Dein Sigm
Gutshof Riemerlehen
Berchtesgaden 83471
Deutschland
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F11