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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.Wien, 7. Nov 99
IX., Berggasse 19.Theurer Wilhelm
Sehr überrascht u sehr dankbar für
Deine Ankündigg u Deinen Brief,
der den ersten guten Tag dieser
Saison zu einem ausgezeichneten
erhob. Ich würde den Umweg,über das
Ausland zu Ansehen zu kommen,
gerne gehen. Eine Deutsche ist besonders
willkom̄en. Deine Diagnose, das
Alter, alles scheint Gutes zu versprechen.
Sie soll nur bald kom̄en, denn – wie
merkwürdig – am selben Tag haben
sich zwei Anknüpfgen ergeben, mit
einer sehr anspruchsvollen Warschauerin
bisher bei Krafft, und einer Wienerin,
die beide werden können und sich im
Laufe noch dieser Woche entscheiden
dürften. Es kan̄ auch freilich nichts
aus beiden werden. -
S.
Zur praktischen Frage. Auswärtige Pat
hatte ich bisher in Pension Vienna am
Maximiliansplatz (Frankgasse 8), von
einer Doktorswitwe gehalten, die sehr
anständig ist, im Nothfalle auch sich
mit den Pat. etwas beschäftigt. Die
Leute waren leidlich zufrieden;
es giebt auch elegantere Homes' in
der Nähe, die auch meine Nähe ist.
Je nach der Natur des Falles sieht
man sich veranlaßt, eine einfache
oder vornehmere Pflegerin aufzun-
ehmen. Bei Frauen u Mädchen wol
nicht zu umgehen. Pension Vienna
habe ich seinerzeit durch Elise Fohleberger
ken̄en gelernt. Mehr als bei Binswanger
dürfte wol zu erreichen sein. Wieviel,
hängt wol noch sehr vom Fall ab;
ich habe heuer aus den Spekulationen
über Sexualtheorie eine neue u mächtige
Triebkraft in der Analyse gewon̄en;
doch ist an der Sache noch irgendwo -
S.
eine Unklarheit u entsprechende therap.
Lücke. Die Erwerbg des vorigen
Jahres, die Phantasien, bewähren sich
trefflich; die Veranlagg hat weit mehr
Spielraum erhalten, ohne sich darum
der Analyse zu entziehen. In der
Gegend der Affekte lauert ein Rätsel.Das Buch ist eben verschickt worden.
Die erste Reaktion, die ich wahrgenom̄en,
war die Kündigg der Freundschaft
von seiten einer lieben Freundin, die sich
durch die Erwähng ihres Mannes im
Traum Non vixit verletzt fühlt.
Minna citirt die Gräfinnen Wallenstein
u Terzky nach ihrem Empfang am Wiener
Hof; wir erwarten weitere Ächtungen.
J. J. David (der Dichter) hat eine Recension
in der „Nation" versprochen.Unsere Briefe haben sich gekreuzt. Mir
war Dein Schweigen rätselhaft. Ich
hoffe, Du schreibst auch mal zwischen
zwei Geleitbriefen. -
S.
Die Katarrhsaison ist nun vorüber, blos
Ernst fiebert noch leise nach.
Mein Bruder, der Dozent an der
Exportakademie geworden ist, hält jetzt
auch Vorlesgen an der Orientalischen
Akademie u scheint allgemein als
erste Autorität im öesterr. Tarifwesen
zu gelten. Es thut ihm wol. Seine
materielle Stellung ist noch schwankend.Ich will Dir im Vertrauen erzählen,
daß wir uns mit dem Gedanken
die Stadtwohng aufzugeben u in
die Peripherie zu ziehen, vertraut
zu machen begin̄en. Vielleicht vermeiden
wir es noch. Die Som̄erfrage steht
noch ungelöst.In der Hoffnung auf baldige
gute Nachricht von Deinen drei
Kindern herzlichst Dein
Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F13