• S.

    Thumsee 7. Aug. 01

    Theurer Wilhelm

    Zum ersten Male seit 3 Wochen ist
    das Wetter heute unleidlich u
    schließt jede andere Beschäftigg 
    aus; morgen sollen wir nach
    Salzburg zur Don Juanvorstellung,
    für die Ferstel 2 uns Plätze besorgt
    hat; so kom̄t es, daß ich Dir heute
    gleich antworte oder wenigstens
    zu antworten beginne.

    Zuerst vom Geschäft, dann vom Ernst
    u am Ende das Vergnügen.

    Frau Eberlein wäre ein sehr schöner
    Ersatz für Maggie Haller nach
    Deinen früheren Mittheilungen
    gewiß für diese Cur die richtige
    Person u ein vollerer Errfolg als im
    Durchschmtt darum vorherzusehen.
    Alleein  ich gehe  nicht vor dem 16
    Sept w ieder in's Geschirr, keiner
    Patientin zu Liebe, bekan̄ten
    oder unbekannten, u bis dahin
    kann sie den Paroxysmuws wieder

  • S.

    hinter sich haben. Ich rechne mit niemandem
    der nicht schon in meiner Faust sitzt.
    Meine Leute sind Kranke, also ganz
    besonders irrationell u bestim̄bar.
    Die nächste Saison wird mich übrigens
    besonders interessiren. Ich habe
    nur einen Kranken, einen Jüngling
    mit Zw, sozusagen sicher, u meine
    gute alte Frau, die mir eine kleine
    Rente war, ist in den Ferien
    gestorben.

    Ein Attest von Vater Haller lege ich
    auf ausdrücklichen Wunsch Martha's,
    die mich an Dich schreiben sieht, dem
    Briefe bei.

    Winternitiz ist ein Opportunist, der regel-
    mäßig den Mantel nach dem
    Wind gegehängt hat, u darum
    von besonderem symptomatischen
    Interesse. Daß Du den großen
    Erfolg, der die ·Leute kleidet, erst
    nach 40 haben solltest, war
    für mich im̄er eine große
    Überraschung. Er hätte Dir wirklich
    früher zufallen können u hätte

  • S.

    Dir keinen psychischen Schaden gebracht.
    Mir wäre er lieb wegen des materiellen
    Nutzens, aber er bleibt aus u wird
    wol endgiltig ausbleiben.

    An den traurigen Verhältnißen in
    Kalt. nehme ich fortlaufenden
    Antheil durch den Briefverkehr mit
    Oscar. Ich habe im̄er besorgt, daß
    zwischen Euch nach dem Erlöschen
    der Eltern wenig Gemeinsamkeit
    bleiben wird; aber ich kann mich nicht
    so Recht vom Herzen auf Deine dh:
    Eure Seite stellen. Oscar u Mela
    sind rührend opferwillig u uneigen-
    nützig in dieser Krankenzeit; er
    den ich länger kenne, ist es ja
    immer u hat es mir erst von Neuem
    gezeigt. Über diesen Dank kom̄e
    ich  nicht weg u verzeihe ihm
    dafür ein großes Stück mangelnden
    Verständnißes für meine Funde,
    bei welchem Verhalten er ja nicht
    vereinzelt ist. Es müßte ja auch
    zwischen Dir u ihm nicht so sein.
    „Das sind ja keine Menschen", scheint

  • S.

    mir gerade eine für die beiden
    unzutreffende Charakteristik,
    da sie sich menschlich correct u gut
    verhalten.

    Es ist gar nicht zu verhehlen, daß wir
    beide ein Stück weit aus einander
    gerathen sind. An dem u jenem
    merke ich die Distanz. So auch an
    dem Urtheil über Br. Ich verachte
    ihn längst nicht mehr, ich habe seine
    Stärke gefühlt. Ist er bei Euch
    todt, so wirkt er noch posthum.
    Was thut Deine Frau anders, als
    im dunkeln Drang Zwang die
    Anregung ausarbeiten die Br ihr
    damals in die Seele gelegt, als er
    ihr Glück dazu wünschte daß ich
    nicht in Berlin lebe u ihre Ehe
    nicht stören kann? Und auch
    Du bist hier an die Grenze
    Deiner Scharfsichtigkeit gekom̄en,
    nim̄st Partei gegen mich u
    sagst mir, was alle meine
    Bemühungen entwertet:

  • S.

    „Der Gedankenleser liest bei den
    anderen nur seine eigenen
    Gedanken."

    Wenn ich so einer bin, so wirf mein
    Alltagsleben nur ungelesen in
    den Papierkorb. Es ist voll von
    Beziehungen auf Dich, manifesten,
    zu denen Du das Material geliefert,
    u versteckten, bei denen das Motiv
    auf Dich zurückgeht. Das Motto
    ist auch von Dir geschenkt. Von
    allem Bleibenden des Inhaltes abge-
    sehen, kann es Dir Zeugniß für
    die Rolle ablegen, die Du bei
    mir bis jetzt gespielt hast. Nach
    solcher Ankündigg darf ich Dir
    dann whl die Arbeit wortlos
    schicken, wenn sie in meine
    Hände gelangt.

    Bei Br hast Du auch gewiß ganz
    Recht mit dem Bruder. Ich theile
    aber Deine Verachtung der
    Männerfreundschaft nicht, wahrscheinlich
    weil ich in hohem Grade Partei
    bin. Mir hat, wie Du ja weißt, nie
    das Weib im Leben den Kameraden

  • S.

    den Freund ersetzt. Wäre Br's männliche
    Neigung nicht so verschroben, so zaghaft
    so widerspruchsvoll, wie alles
    Seelische an ihm, es gäbe ein schönes
    Beispiel, zu welchen Leistungen sich
    die androphile Strömung beim
    Manne sublimiren läßt.

    Ich versprach, Dir noch vom „Vergnügen"
    zu schreiben. Thumsee ist wirklich
    ein kleines Paradies besonders
    für die Kinder, die hier wild
    gefüttert werden, sich mit.einander
    u mit den Gästen um die Boote
    raufen, auf denen sie dann unserem
    besorgten Elternblick entschwinden.
    Mich hat der Umgang mit den Fischen
    bereits gehörig verdum̄t, doch
    habe ich noch nicht die freie Seele,
    die ich mir sonst in den Ferien
    hole, u mir ahnt, 8-12 Tage Oel
    u Wein werden nicht zu entbehren
    sein. Mein Bruder wird vielleicht
    Reisegefährte. Von meiner Schwägerin
    kann ich nicht viel Besseres berichten,
    doch wenigstens Stillstand. Sie rührt

  • S.

    sich wenig, ist ungleicher, gedrückter
    Stim̄ung; das Darmgeschwür macht
    ihr fortdauernd Beschwerden. –

    Und die Hauptsache! ¿ Soviel ich
    erkenne, wird meine nächste
    Arbeit lauten „Die menschliche
    Bisexualität", wird das Problem
    an der Wurzel fassen u das
    letzte Wort sagen, das mir zu sagen
    vergönnt sein dürfte. Das letzte
    u tiefste. Ich habe dafür vorläufig
    nur eines, die Haupterken̄tniß,
    die sich seit längerer Zeit auf der
    Idee aufgebaut hat, daß die Ver-
    drängg, mein Kernproblem nur
    durch Reaktion zwischen zwei
    sexuellen Strömungen möglich ist.
    Ich werde etwa ein halbes Jahr
    brauchen, das Material zusam̄en-
    zustellen u hoffe zu finden, daß
    die Arbeit jetzt schon ausführbar
    ist. Dann aber muß ich eine
    lange ernsthafte Unterhaltg
    mit Dir haben. Die Idee selbst
    ist Deine. Du erin̄erst Dich, ich
    habe Dir vor Jahren gesagt, die

  • S.

    Lösung liegt in der Sexualität, als
    Du noch Nasenarzt u Chirurg warst
    u Du hast Jahre später corrigirt:
    in der Bisexualität, u ich sehe,
    Du hast Recht. Vielleicht muß ich
    also noch mehr von Dir entlehnen,
    vielleicht nöthigt mich mein
    Ehrlichkeitsgefühl, Dich zu bitten,
    die Arbeit mit mir zu zeichnen
    wobei der bei mir kärgliche
    anatomisch-biologische Theil eine
    Ausbreitung für sich gewin̄en
    würde. Den psychischen Aspekt
    der Bisex u die Erklärg der
    Neurotik würde ich zum Ziel
    nehmen. Das ist also das nächste
    Zukunftsprojekt, das uns hoffentlich
    wieder recht ordentlich auch
    in wissenschaftlichen Dingen einigen
    wird.

    Ich grüße Dich u die Deinen
    herzlichst. Laß etwas von
    Dir hören
    Dein Sigm