-
S.
Wien 4. 1. 98
Theurer Wilhelm
Robertchen’s respektvolle Bezeichng des
Bildes von Annerl ist wahrhaft köstlich
Er ist ein reizender Kerl – wenn Du
es noch nicht weißt.Ich schicke Dir heute N=2 der Δρεκκολogischen
Berichte, einer sehr interessanten von mir
für einen einzigen Leser herausgegebenen
Zeitschrift. Die zurückgebliebene N=1 enthält
wüste Träume, die Dich kaum inter-
essiren dürften, zu meiner noch ganz
im Dunkel tappenden Selbstanalyse.
Um Rücksendg wird gebeten wegen
späterer Einsicht, doch keineswegs in
nächster Zeit. Wie im̄er war die nächste
Woche nach unserem Aussprechen für
mich eine sehr fruchtbare. Dann folgten
einige öde Tage mit lausiger Stim̄g
u in die Beine dislocirten Kopf-
(oder Herz-)Schmerzen. Seit heute morgens
volle Aufhellung. Es wird weiter
gestrebt und geirrt. -
S.
Daß Dir mein noch ablehnendes Verhält-
niß zur Deutg der Linkshändigkeit so
nahe geht, ist mir sehr interessant.
Ich will versuchen objektiv zu sein, ich
weiß nämlich, wie schwer es ist.Wie ich mir erscheine, ist es so: Ich bin auf
die Betonung der Bisex. förmlich ge-
flogen u halte diesen Deinen Einfall
für den bedeutsamsten in meinen
Themen seit der „Abwehr“. Hätte ich Ab-
neigung aus persönl Gründen, weil ich
selbst ein Stück neurotisch bin, so müßte
sich diese Abneigg gerade gegen die
Bisex kehren, der wir ja die Neigg zur
Verdrängg Schuld geben. Mir kom̄t
vor, ich sträube mich nur gegen die
Durchdringg von Bisex u Bilat, die Du
forderst. Zu dieser Idee nahm ich anfangs
gar keine Stellung, weil ich mich von
dem Thema noch so entfernt fühlte.
In Breslau war ich am zweiten Nachmittag
in Folge der Nasenreaktion etwas
auf den Kopf geschlagen, sonst hätte ich wol
den verspürten Zweifel zu einem
Einwand formiren können, vielmehr -
S.
es aufgreifen können, als Du selbst sagtest,
jede der beiden Hälften enthalte wahrschein-
lich beiderlei Geschlechtsorgane. Wo bleibt dan̄
wirklich die Weiblichkeit etwa der linken
Hälfte beim Manne, wenn sie einen Hoden
(u entsprechende niedere ♀m Sexualorgane
trägt wie die rechte? Deinem Postulat,
daß sich zu allen Ergebnißen männl
u weibl vereinigen müßen, ist ja schon
in einer Hälfte genügt!Ferner kam mir vor, Du hieltest mich selbst
für ein Stück L.Händer; u wen̄, würdest
Du mir’s sagen, da diese Selbsterken̄tniß
nichts mich Verletzendes hat. Es liegt
nur an Dir, wen̄ Du nicht alles Discrete
von mir weißt; soweit ken̄st Du mich
lange. Ich weiß nun nichts von einer Bevor-
zugg der L. jetzt oder in der Kindheit, eher
könnte ich sagen, daß ich vor Jahren
zwei linke Hände gehabt habe. Nur
eines kann ich Dir entgegenbringen.
Ich weiß nicht, ob es Anderen ohne Weiteres
evident ist, wo sie rechts oder links
haben, u wo R u L bei Anderen sind. -
S.
Für mich war es (in früheren Jahren) eher
Sache der Überlegg, wo meine R ist, kein
Organgefühl sagte es mir. Ich pflegte
rasch die Schreibbeweggen mit der R
zu versuchen. Bei Anderen muß ich
heute noch die Stellung usw umrechnen
Vielleicht paßt das Dir in die Auffassg
hinein, vielleicht hängt es damit zusam̄en,
daß ich im Allgem. ein niederträchtig
geringes Raumvorstellgsvermögen habe,
was mir alle geometrischen u davon
abgeleiteten Studien unmöglich gemacht
hat.So erscheint es mir. Nun weiß ich ja, daß
es trotzdem anders sein kann u daß
meine bisherige Abneigungaufgegen
Deine Auffassg der L auf unbw Motiven
beruhten mag. Sind die hysterisch, so haben
sie sicherlich mit dem Thema nichts zu
thun, sondern halten sich nur an’s
Schlagwort. Etwa, daß ich etwas ange-
stellt habe, was man nur mit der
L thun kann. Die Aufklärg darüber
kom̄t dan̄ irgend einmal, Gott
weiß, wann. -
S.
Die Wahrheit über R. K. habe ich erst
nach meiner Rückkehr erfahren.
Wenn wirklich etwas an ihm ist, wird
er durch diese Entgleisg ebensowenig
wie Meynert durch seine Chloroform-
sauferei gehindert werden, es einmal
zur Geltg zu bringen. – Die Ursucht!
Der arme Junge ist die nothwendige
Ergänzg zur Philisterei u Duckmäuserei
des ganzen Kreises.Du mußt mir versprechen, von der Garten-
laube gar nichts zu erwarten. Es wird
wirkliches Geschwätz, gut genug für
die Leute, zwischen uns mit keinem
Wort zu berühren.Mittwoch gehen wir mit Deiner ganzen
Familie (Bondy u Rie) in’s Carltheater
zu einem Judenstück von Herzl, einer
Premiere, die in meinen Träumen
bereits ihre Rolle gespielt hat.Woher hast Du das Citat mit den
Professoren u den Ohren? Ich -
S.
möchte es Dir abnehmen. Unlängst
habe ich in einer Tagesphantasie (von
denen ich noch keineswegs frei bin)
seiner Exc. dem Unterrichtsminister
die Worte entgegengeschleudert: Mich
können Sie nicht schrecken. Ich weiß,
daß ich im̄er noch Privatdozent sein
werde, wenn Sie längst schon aufgehört
haben, Minister zu heißen“.Nun leb recht wol u schreib bald
wieder, ehe ich mit Nr 3 komme.
Auf meiner Seite im Tunnel ist es
recht dunkel, Dir scheinen auch bei
dieser Arbeit die Sonne u die
Sterne.Herzlichst
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F4