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S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.Aussee 30/7
Theurer WilhelmDu bist entschieden zu guter
Umgang für mich. Ich verdiene
es nicht, in diese Perspektiven
Einblick zu bekom̄en. Ich bin, obwol
es kaum eine Woche ist, seitdem
ich vom Kepler der Biologie ent-
zückt war, bereits gänzlich ver-
bauert. Schwäm̄e giebt es leider
noch nicht, wie ich mich auf einem
4 1/2 stündigen Weg durch die
Wälder am Salzbergüberzeugt
habe, dafür regnet es u frieren
wir nach Herzenslust. Alles was
Wissenschaft ist – war, hätte ich ge-
schrieben, – liegt mir so unendlich
ferne, die meinige natürlich
am fernsten. Mit der Fähigkeit
alles zum Erwünschten zu wenden, -
S.
von der ich noch ein Restchen besitze,
sage ich mir: das ist gut u beweist
die Elasticität meiner Natur.
(Ich kann kaum schreiben vor
Kälte).Robert hat ganz Recht, er ahnt daß
Geld ein Werkzeug ist, dem Sklaven
die Fesseln zu lösen, daß man
Freiheit für Geld bekom̄t, wie
man sonst Freiheit für Geld
hingiebt.Könntest Du jetzt nicht schon ausrechnen,
wan̄ der alte Bismarck sterben
muß?Mir däm̄ern zwei kleine Reisen
eine von Landeck über das
Engadin nach Chiavenna, die
andere zum Aufenthalt
nach Ragusa. Erstere bald,
zweite im Sept; erste mit
Minna, zweite mit Martha.
Die erste Reise ist eigentlich -
S.
inspirirt durch Deine Bemerkung, daß
Du das Land, wo Jürg Jenatsch spielt,
so genau ken̄st. Ich hab mir aber
nicht gemerkt, welches es ist. Grau-
bünden? Das Engadin gewiß
nicht. Es hat also eine gewiße
Verschiebg stattgefunden. Finde
ich beim Durchblättern des Führers
durch die Schweiz die richtigen
Namen, so ändere ich noch die
Route, redressire die Ver-
schiebung. Ich gedenke Donnerstag
abzugehen.Laß Dich nicht abhalten, mir von
den Ellipsen zu schreiben, wiewol
ich eben ein so unvernünftiges
Stück der meinigen passire. Den̄
jeder soll geben was er hat,
ohne Rücksicht auf den Anderen
Ich mache es auch so; die Zwanglosigkeit
in der man sich fühlt, macht den
Hauptreiz des Briefschreibens aus. -
S.
Ich möchte Dir so gerne geben,
was Du nicht hast, den freien
Kopf, aber Du weißt, das geht
nicht. Das Unfertige an Deinen
Funden stört mich gar nicht; Du
weißt, ich denke nicht nach, rezipire
genieße, staune u mache mir
Erwartungen.Tragzeiten sind bald um, das
ist wol Dein Trost bei Ida's Befinden.
Ferien leider auch.
Ich grüße Dich und sie
herzlichst Dein Sigm. -
S.
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