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S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.2.3.99
Theurer Wilhelm„Das Schreiben hat er ganz vergeßen"
Warum das? Und mit einer plausibeln
warnenden Theorie der Vergeß-
lichkeit frisch im Gedächtniß?Sollte wieder eine Kreuzung unter-
wegs sein? Nun, einen Tag bleibt der
Brief noch liegen.Mir geht es fast gleichmäßig gut.
Ich kann Ostern nicht erwarten,
um Dir ein Hauptstück der Geschichte
das von der Wunscherfüllung u von
der Kuppelung der Gegensätze
ausführlich zu zeigen. Ich erlebe
manche Freude an alten Fällen
u habe zwei neue, nicht die
günstigsten zwar, begonnen.
Noch immer ist das Reich der Unsicherheit
riesig groß, die Probleme wim̄eln,
von dem was ich thue, ist erst der
kleinste Teil vom Denken gefaßt;
doch wird es alle paar Tage lichter -
S.
bald hier, bald dort, u ich bin bescheiden
worden, rechne mit langen Jahren
Arbeit u geduldigem Zusam̄enklauben,
unterstützt durch einige brauchbare
Einfälle nach den Ferien u nach
unseren Zusam̄enkünften.Rom ist noch weit, Du kennst ja
meine römischen Träume.5/3 Das Leben ist sonst unglaublich inhalts-
los. Kinderstube u 0rdinationszim̄er,
es giebt in diesen Zeiten nichts
anderes; wenn beides gut ist, ist dem
Neid der Götter doch sonst genug
geopfert. 2 Annerl hat Darminfluenza
gehabt u erholt sich nicht, sonst kein
Opfer. Das Wetter wechselt zwischen
Schneesturm u Frühlingsahnung alle
24 Stunden. Der Sonntag ist noch
im̄er eine schöne Einrichtung, obwol
Martin behauptet, nach seiner Empfindg
werden die Sonntage immer
seltener. Ostern ist eigentlich
nicht mehr so weit. Sind Deine
Pläne schon fixirt? In mir zuckt
es schon vor Reiselust. -
S.
Pour revenir à nous moutons – ich kan̄
sehr deutlich zwei verschiedene intellekt.
Zustände an mir unterscheiden,
einen, in dem ich mir alles, was meine
Leute erzählen, sehr gut merke, während
der Arbeit auch Neues erfinde, aber
außer derselben nicht nachdenken u
nichts anderes arbeiten kann,
u einen zweiten, in dem ich Schlüße
ziehe, Notizen mache, auch freies
Interesse habe, aber eigentlich weiter
weg von den Dingen u nicht recht
aufmerksam bei der Arbeit mit den
Kranken bin. – Mitunter dämmert
mir ein zweites Stück der Behandlung,
ihre Gefühle so zu provociren wie ihre
Einfälle, als ob dieß ganz unentbehrlich
wäre. Die Überwindung der Phantasien
scheint mir das Hauptergebniß der
heurigen Arbeit zu sein; sie haben
mich doch weit weg vom Wirklichen
gelockt. Meinem eigenen Seelenleben
hat die ganze Beschäftigg doch sehr wol
gethan; ich bin offenbar viel normaler, als
ich vor vier oder fünf Jahren war. -
S.
Meine Vorlesungen habe ich heuer trotz
sehr zahlreicher Anmeldungen eingestellt
u gedenke, sie in nächster Zeit nicht
wieder aufzunehmen. Vor der kritik-
losen Anhängerschaft der ganz Jungen
habe ich dasselbe Grauen, wie es mir
die Gegnerschaft der etwas Älteren
verursacht hat. Auch ist die ganze Sache
nicht reif - nonum prematur in
annum! Schüler a la Gattel
die schwere Menge zu haben; in der
Regel verlangen sie dann selbst
behandelt zu werden. Auch habe ich
die Nebenabsicht, einen geheimen Wunsch
zu verwirklichen, der etwa gleichzeitig
mit Rom reif werden kann. Wenn
also Rom möglich ist, dann werfe
ich auch die Docentur hin. Aber, wie
gesagt, wir sind noch nicht in Rom.Ich vermiße Deine Nachrichten
schmerzlich. Muß es so sein?Herzlichst u mit vielen
Grüßen für Deine liebe Frau
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
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