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S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.6.2.99
Theurer WilhelmErste Kreuzung! Wir haben die Empfindg,
die Du aussprichst, etwa gleichzeitig
gehabt.Von der Medizin kom̄st Du nicht so
bald zu industriellen Unternehmgen
(Zuckerfabrik), dafür sorgt schon das
Publikum. Ich höre es mit großem
Vergnügen. Von Warschau wirst
Du mir wol erzählen müssen.Fälle, wie Du nach ihnen fragst, sehe ich
nicht, einfach weil ich nichts Anderes
sehe als meine täglichen Kranken,
mit denen ich ja auch für eine
ganze lange erste Arbeitsperiode
mein Auskom̄en finde. Sie liefern
mir das Typische; hoffentlich brauche
ich mich um die Corollarien nicht
mehr selbst zu bemühen. Erin̄erlich
sind mir Fälle von Tbc mit Angst
auch aus früherer Zeit, ohne daß -
S.
sie mir besonderen Eindruck hinter-
lassen hätten.Der arme Schiff erin̄ert mich in
Deiner Darstellg an einen der ärger-
lichsten Punkte unserer modernen
Medizin. Die Kunst, einen Kranken
zu täuschen, ist ja gerade nicht
groß erforderlich. Wohin ist es
aber mit dem Einzelnen gekom̄en,
wie gering muß der Einfluß der
Wissenschaftsreligion sein, welche die
alte Religion abgelöst haben
sollte, wenn man sich der Eröffng
nicht mehr getraut, daß der oder
jener jetzt zu sterben hat. Der
Geist Breuer's lebt in diesen Künsten.
Der Christ läßt sich wenigstens
noch einige Stunden vorher mit
den Sterbesakramenten versehen
Es heißt doch beim Shakespeare Du bist
der Natur einen Tod schuldig.
Hoffentlich finde ich zu meiner
Zeit jemanden, der mich mit mehr
Achtung behandelt u es mir -
S.
sagt, wenn ich bereit sein soll. Mein
Vater hat es klar gewußt, nicht davon
gesprochen u seine schöne Fassung
bis an's Ende bewahrt.So arm an Externis wie diese war
lange keine andere Zeit. Für
Familienangelegenheiten ist das ja
ein Glück, denn diese Neuigkeiten
sind selten begehrenswert. In der
Arbeit geht es langsam vorwärts,
nie ohne gewiße Ausbeute, aber
jetzt schon wieder länger ohne
eine überraschende Wendung.
Das geheime Dossier wird dabei im̄er
dicker, sehnt sich förmlich nach der
Ostereröffnung. Wann Ostern in Rom
möglich sein wird, darauf bin ich
schon selbst neugierig.Auch ist es mir noch völlig Ernst mit
dem Wechsel des Berufs u des
Aufenthaltes, trotz aller Besserung
in Arbeit und Erwerb. Es ist doch im -
S.
Ganzen zu arg. Schade, daß diese
Pläne ebenso phantastisch sind
wie „Ostern in Rom". Das sonst so
bunte, erneuerungs- u überraschungssüchtige
Schicksal hat Deinen Freund in
seinem einsamen Winkel rein
vergeßen.Unlängst war ich einmal in der Spiegelgasse
um Oscar zu sehen. Ich traf nur Norbert,
der mir eine lange Geschichte erzählte,
von der ich leider nichts verstand, aber
er benahm sich sehr intelligent, u
so ging ich getröstet weg.Nun hoff' ich, Du wartest keine
neue Kreuzung ab. Sei mir mit
all den Deinen herzlichst gegrüßt
Dein SigmIch bin tief in Burckhardt's Griech.
Kulturgeschichte.
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