• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    12. Juni 1900
    Theurer Wilhelm

    Wir haben Familienbesuch gehabt.
    Am Tag vor Pfingsten kam mein
    ältester Bruder Emanuel mit seinem
    jüngsten Sohn Sam auch schon über 35 J alt,
    u blieb bis Mittwoch abends. Er
    brachte eine große Erfrischg mit sich, 
    den̄ er ist ein prächtiger, trotz seiner
    68-69 J frischer u geistig rastloser
    Mensch, der mir im̄er viel bedeutet
    hat. Er reiste dan̄ nach Berlin, wo jetzt
    das Hauptquartier der Familie ist u 

    mit ihm Dolfi, die die 3 kleinen 
    Mädchen der New Yorkerin (Anna) 
    nach Wien brachte, von wo aus sie mit 
    Rosa an den Ossiacher See über 
    Som̄er reisen; u zw heute abends. Die
    3 sind 13, 8 u 6 J alt u entzückende 
    Kinder, charakteristische Schönheiten, 
    frühreif wie die Amerikanerin̄en 

  • S.

    u sehr liebenswürdig. So hat man auch
    manchmal von seiner Familie annehmen
    Eindrücke. Das Peinliche kom̄t freilich
    nach. Pauline, die junge Witwe hat
    sich vorgestern (?) auf der Pretoria
    nach Hamburg eingeschifft. 

    Ernst hat wieder 4 Tage lang mit Angina
    gefiebert. Er ist von unverwüstlicher
    Lebenskraft, mit 38,5 schreit er noch:
    Besser kann es einem nicht sein,
    ich will aufstehen; erst bei 39,5 wird
    der Lümmel zahm u liebenswürdig.
    Diese manische Frische u Wildheit muthet
    mich manchmal unheimlich an wie
    die der Philister.

    Das Leben auf Bellevue gestaltet sich
    sonst für alle sehr angenehm. Die
    Abende u Morgen sind entzückend;
    nach Flieder u Goldregen duften jetzt
    Akazien u Jasmin, die Heckenrosen
    blühen auf, u zwar geschieht das alles,
    wie ich auch sehe, plötzlich. 

  • S.

    Glaubst Du eigentlich, daß an dem Hause
    dereinst auf einer Marmortafel
    zu lesen sein wird?:

    „Hier enthüllte sich am 24 Juli 1895
    dem Dr Sigm. Freud
    das Geheimniss des Traumes."

    Die Aussichten sind bis jetzt hiefür gering.
    Wenn ich aber in den neueren psycholog. 
    Büchern (Mach, Analyse d Empfindgen‹, 2 Aufl,
    Kroell, Aufbau d Seele‹ udgl), die alle nach
    ähnlichen Richtungen zielen, wie meine
    Arbeit, lese, was sie über den Traum
    zu sagen wissen, so freue ich mich doch
    wie der Zwerg im Märchen, „daß die
    Prinzessin es nicht weiß".

    Ein neuer Fall ist nicht gekom̄en, oder doch,
    dh. für diesen neuesten habe ich einen
    im Mai gekom̄enen neuen verloren,
    so daß ich auf demselben Niveau bin.
    Das neueste aber ist schön, ein 13j Mädchen,
    bei dem ich mit Dampf heilen soll
    u die mir auch einmal das oberflächlich
    zeigt, was ich sonst unter überlagernden
    Schichten freizulegen bemüht bin.

  • S.

    Ich brauche Dir nicht zu sagen, das es genau
    das Nämliche ist. Wir werden von dem
    Kind im August sprechen, wen̄ es mir
    nicht vorzeitig entrissen wird. Denn
    im August sehe ich Dich bestim̄t, falls ich
    nicht um 1500 Kr., die ich am 1 Juli erwarte,
    enttäuscht werde. Vielmehr, ich bin im
    Stande, trotzdem nach Berlin zu kom̄en
    und weñ mich Pauli nicht zuviel kostet
    mir noch in den Bergen oder in Italien
    etwas Kühlung u neue Spannkraft für
    1901 zu holen. Bei der schlechten
    Laune kom̄t so wenig etwas heraus
    wie beim Sparen.

    Von Conrad's Unfall hat mich Kunde
    erreicht, auch vom glücklichen Ablauf.
    Nun habe ich wieder ein Recht, von
    Dir u den Deinen Neues zu hören.

    Sei mir mit ihnen herzlichst
    gegrüßt
    Dein Sigm