• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    Riemerlehen 1. Aug 99
    Theurer Wilhelm

    Gleichzeitig sende ich Dir in zwei Umschlägen
    die 1 Correcturen des einleitenden
    (Literatur-) Kapitels. Wen̄ Du etwas
    zu beanständen hast, so schicke mir das
    Blatt mit Deinen Berkgen; es ist
    noch bis zur 2. u 3 Correstur Zeit, es 
    zu verwerten. Dein lebhaftes Interesse 
    für die Arbeit tut mir, ich kann 
    nicht sage, wie, wol. Leider wird 
    dieß Kapitel eine harte Prüft für 
    den Leser sein. 

    Wir haben es hier unvergleichlich schön 
    machen größere u kleinere Spaziergänge
    u befinden uns alle sehr wol, bis
    auf einige Zustände, die ich gelegentlich
    habe. Ich arbeite in einem großen 
    ruhigen Parterreraum mit Bergaussicht
    an der Vervollständigg der Traum-
    arbeit. Meine von Dir so wenig aner-

  • S.

    kannten alten u dreckigen Götter betheiligen
    sich als Mnscrptbeschwerer an der Arbeit.
    Der Ausfall des großen von Dir gestrichenen
    Traumes soll durch Einschiebung
    einer kleinen Trsam̄lung (harmlose,
    absurde Tr, Rechnen u Reden im Tr,
    Affekte im Tr) wettgemacht werden.
    Die Umarbeitung wird nur das letzte
    psycholog. Kapitel betreffen, das ich viel-
    leicht im Sept angreifen u Dir im
    Mnc schicken oder - mitbringen
    werde. Mein Interesse ist jetzt ganz
    dabei. 

    Schwäm̄e giebt es hier auch, aber
    noch nicht reichlich. Die Kinder nehmen
    an dem Sport natürlich Antheil. Der
    Geburtstag der Hausfrau ist groß
    gefeiert worden, u. a. durch einen
    Familienausflug nach Bartholomae.
    Annerl hättest Du auf dem Königssee
    sehen sollen. Martin, der hier ganz
    in seinen Phantasien lebt, sich ein 
    Malepartus im Wald erbaut hat

  • S.

    usw, hat gestern geäußert: „Ich glaube eigentlich
    nicht, daß meine sogenannten Gedichte wirklich
    schön sind. Wir stören ihn nicht in dieser
    Selbsterkenntniß. Oli übt sich wieder
    in der exakten Aufnahme der Wege 
    Entfernungen, Orts- und Bergnamen. 
    Mathilde ist ein ganzer Mensch u natürlich
    ein volles Frauenzimmer. Sie haben
    alle gute Zeiten.

    Auch dem Fr. Pineles, der sonst ein lieber
    u feiner, ken̄tnisreicher Mensch ist, u 
    durch seine Verwandtschaft mit meinem
    alten Freund
    Prof. Herzig mir persönlich
    näher gerückt, wirst Du vergebens
    bewiesen haben, daß wir beide
    Propheten sind. Er hat zuviel klinische
    Luft eingeathmet, die verschiedene
    kräftige Toxine enthält. Von Br. 
    habe ich wieder gehört, daß er über die
    letzte Arbeit (Vergessen) geäußert, er
    wundere sich nicht, daß niemand etwas
    auf meine Sachen giebt, wenn ich solche
    Lücken lasse. Er meinte daß ich nicht

  • S.

    ausgeführt, worin die Verbindg von Tod
    u Sexualität be in meinen Gedanken 
    besteht. Wenn das Trbuch fertig daliegt,
    wird er sich über das Gegentheil
    über die Fälle von Indiscretionen
    entsetzen können. Erst wenn der (allerdgs 
    unwahrscheinliche) Zufall mir einen Titel 
    geschenkt haben sollte, wird er auf
    dem allerhöchsten Bauch liegen. 

    Je mehr die Arbeit dieses Jahres jetzt 
    zurücktritt, desto zufriedener  werde
    ich mit ihr. Nur die Bosexualität! Mit
    der hast Du sicherlich Recht. Ich gewöhne
    mich auch, jeden sex. Akt als einen Vorgang
    zwischen 4 Individuen aufzufassen. Darüber
    wird viel zu reden sein. 

    Manches, was du schreibst, thut mir schrecklich
    leid. Ich wollt, ich könnte helfen. 

    Grüß mir herzlichst die ganze Familie
    u erinnere an das Riemerlehen,
    wo ich sitze
    Herzlichst Dein Sigm