• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    19.IX.99. [Editorischer Hinweis: Freud schreibt 19..IX.99, richtig scheint: 19.XI.99]
    Theurer Wilhelm

    Sonntag 12. nachmittags erkrankte ich ohne
    mir bekannte Veranlassung wieder an
    Grant, der sich fortsetzte mit Herz- u
    Kopfmigrainen verstärkte u Donnerstag
    16. mit einer Kopfmigraine völlig
    abschloß, so daß ich seither nicht blos
    wol sondern kreuzfidel bin. Diese
    periodische Verstim̄g will ich weiter
    beobachten, ihr Sinn ist mir ganz unklar.
    Der Anfall war kürzer als der vorige
    über den ich Dir gleichfalls getreulich
    berichtet.

    Don̄erstag verbrachte ich, von einem Pat. ge-
    rufen, was aber nicht sonderlich gewinn-
    bringend wurde, in Budapest, kam
    Freitag früh zurück u fand Frl
    Haller in Begleitg von Frl. Fink vor.
    Ich habe ihr heute die erste Lektion
    ertheilt. Ich weiß von ihr natürlich
    noch nichts, als was Frl Fink mir erzählt

  • S.

    hat. Sie ist ein noch ungehobeltes Stück
    Unglück, sieht nach Trotz u Verschlossenheit
    aus u ist mit einer dicken Anstalts-
    patina, die nothwendig zuerst ab-
    gekratzt werden muß, bedeckt. Der
    Abstand gegen die Lebensbedinggen
    der Anstalt wird sie natürlich
    zunächst sehr unzufrieden machen.
    Man hat dort versucht, sie mit bür-
    gerlicher Theilnahme u mit Interesse
    für Kunstmappen (Sammlg Hirth)
    zu kuriren, sie im Übrigen ihrer
    Phantasie überlassen. Also wir werden
    sehen. Hält sie aus, so wirst Du
    von diesem Fall, den ich Dir
    verdanke, alles erfahren.

    Sie hat sich in eine der Pensionen
    eingemietet, die ich ihr genan̄t, ist aber
    dort nicht zufrieden. Ich menge mich
    da aber wenig ein, denn an dem
    Versuch ihre z. Th. neurotischen, zum
    Theil in Wien deplacirten Ansprüche
    zu befriedigen, würde ich mich erschöpfen.
    Das Beste wäre eine eigene Anstalt
    die habe ich aber nicht.

  • S.

    Frl  Fink gefällt mir recht gut. Wir werden
    also sehen.

    Eine undankbare Arbeit, den Menschen
    etwas aufzuklären. Noch keiner hat mir
    über das Traumbuch gesagt, daß er sich
    mir verpflichtet fühle, etwas Neues
    gelernt zu haben, in eine Welt neuer
    Probleme eingeführt worden zu sein.

    „Sehr interessant", das halten sie dan̄
    für Herablassung. Die einzige
    erfreuliche Reaktion war ein Brief v
    on Dr Gomperz jun. den ich Dir beilege
    u der also jetzt bei mir die Methode
    der Trdeutung in Abendstunden
    lernt. Ich brauche Dir nur anzudeuten,
    daß sich sofort überreichliches Material
    beim ersten Versuch ergeben hat.
    Er kom̄t morgen wieder. Gewinne ich
    mir da einen Schüler? Er wäre
    von besserer Art als die früheren.

    Zu Hause alles wol bis auf einen
    Auslauferkatarrh bei Annerl.
    Martin vergröbert sich rasch in
    der Schule u kom̄t zunächst nicht

  • S.

    gut fort. Seine Orthographie u Rechenkunst
    lassen es zweifelhaft erscheinen, ob er
    nächstes Jahr in's Gymnasium aufge-
    nom̄en wird. Er phantasirt jetzt übrigens
    in Zeichnungen u ist im Vollbesitz seines
    Humors.

    Die Wissenschaft ruht wie im̄er, wen̄
    mich die Detailfragen der Behand-
    lungen beschäftigen. Mit der Sexual-
    theorie will ich noch im̄er zurück-
    halten. Ein ungeborenes Stück
    hängt noch an dem bereits geborenen.

    Jetzt möchte ich aber bald von Paulinchen
    Deiner Frau u den beiden anderen
    Kindern hören. Schade, daß mich das
    schlechte Geschäft so unbeweglich macht.
    Gerne wollte ich auf einen Tag nach
    Berlin kom̄en. Ich könnte Dir allerlei
    Komisches von Wien erzählen.

    Und Rom? Und Karlsbad? Und unser
    Congreß auf klassischem Boden, der
    lange versprochene? Ich lege im̄er
    neue Schichten Resignation über
    die Sehnsucht. Gerne will ich von Dir
    hören, daß es noch kom̄en wird.

    Herzlichst Dein
    Sigm