-
S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a.d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.4 Juli 1901
Theurer WilhelmDa mein Interesse für Dich u die Deinigen
durch unseren Briefwechsel nicht mehr
voll befriedigt wird, pflege ich bei
Oscar nachzufragen u habe auf diesem
Wege auch von den drohenden Masern
Nachricht bekom̄en. Hoffentlich gehen
sie bequem vorüber; ich habe ja
überhaupt in praxi nichts dagegen, daß
mein theoretisch schwer zulässiger
Optimismus möglichst häufig Recht be-
halte.Du fragst soviel, daß es ein langer
Antwortsbrief werden muß. Die Ordination
werde also zur Schreibstunde.Wohin wir gehen, kann ich Dir noch
immer nicht sicher sagen. Nach den
vielfältigsten mißglückten Plänen
sind wir auf etwas Improvisiertes
gestoßen, das sich wahrscheinlich wird
durchsetzen lassen. In den zwei Feiertagen
am Ende des Junimonats war ich -
S.
zu Besuch in Reichenhall bei Mama u Minna
u habe mich auf einem Wagenausflug
nach dem nahen Thumsee so für das
Plätzchen begeistert: Die Alpenrosen bis
zur Straße herab, das kleine grüne
Wasserbecken, die herrlichen Wälder
herum mit Erdbeeren, Blumen u (hoffent-
lich auch) Pilzen, daß ich nachgefragt
habe, ob man in dem einzigen Wirts-
haus dort auch wohnen kann. Dort
wird nun heuer zum ersten Mal
vermietet, da der Besitzer, ein Arzt
u Eigentümer von Bad Kirchberg, der
es sonst selbst bewohne, gestorben
ist. Und nun schweben die von Reichen-
hall geführten Unterhandlungen, die
wahrscheinlich zum Abschluß führen
werden. Von den Reizen des Ortes
abgesehen, ist es mir von besonderem
Werth, in der Nähe meiner
lieben Kranken zu bleiben, die
wahrscheinlich, wen̄ es in Rhll zu heiß
ist, den Salzberg bei Bercht. auf-
suchen wird. -
S.
Auf der Rückreise Sonntag nachts kam
ich in unerwartet intime Beziehg
zu Robert Breuer; wir theilten
uns in ein Schlafwagenhalbcoupe!
Er war recht genirt, aber ganz
correct.5/7 Eben habe ich das abschließende
Telegram̄ an den Thumsee abgehen
lassen. Ich schreibe Dir noch eine
Karte am Tage der Abreise. –Maggie Haller ist sehr fidel u ein
hervorragender Erfolg geworden.
Sie hat noch Sensationen u Visionen
macht sich aber nichts aus diesem „schäbigen
Rest". Du weißt, die Allgemeinveränderg
geht in meiner Therapie in jeder Hinsicht
voran, dabei schrumpfen dann die
Symptome, die zu ihrem Bestand ein
gewißes Maß Aufmerksamkeit
bedürfen, allgemach ein. Ihre Eltern
waren hier u haben sich freundschaftlich
benom̄en. Der Vater ist eine zu complizirte
Natur, um jedesmal das Richtige zu
treffen. Die Mutter ist schwer verdaulich,
aber eine „Natur" im vollen
Wortsinne. -
S.
Papa Haller schickt mir eifrig Zeitungs-
ausschnitte und Artikel, in denen er
mich oder das Traumbuch erwähnt f
indet, so einen Auf sacz „Traum u
Märchen" aus dem „Lotse", den mir
dann der Verfasser, ein Münchener
Dozent auch geschickt hat. Er steht jetzt
mit mir in Briefwechsel wegen
dessen was man im Dienste der
„Propaganda" Fragenden von der
Cur mittheilen kann. Ob da nun
viel, wenig oder gar nichts daraus
wird, es geht jedenfalls auf den
Moment zurück, da Du dem Manne
meinen Namen genannt hast.Herr Rutzer war leicht zu diagnostizieren,
keine aktuelle sex. Ursache, kein
psychischer Fall doch Neurasthenie; so
mußten frühere Aktualitäten
durch die Nasenveränderg erhalten
worden sein. Ein Wiener wäre dem
Rathe natürlich nicht gefolgt, dem
er seine Befreiung verdanken
wird. Es bleibt aber ein mäßiges
Gegengeschenk für die Haller. -
S.
Meinen anderen Kunden geht es heuer
höchst befriedigend; es waren allerdings
weniger als im Vorjahr. Dank der
geringen Plage bin ich zur gleichen
Zeit unvergleichlich woler, aber
doch schon sehr gehirnmüde. Es
fällt mir gar nichts mehr ein; ich
weiß auch nicht recht, womit die
freien Stunden ausfüllen.Der Münchener Dr. von der Leyen hat
mich auf ein Buch von L. Laistner
1889 „Das Räthsel der Sphinx" aufmerk-
sam gemacht, welches die Rückführg
der Mythen auf Träume sehr energisch
vertritt. Ich habe darin zunächst eine
reizende Vorrede gelesen, vom
Weiteren hält mich die Faulheit
ab; ich merke, er weiß nichts von
dem hinter dem Traum, dagegen
scheint er den Angsttraum trefflich -
S.
im Auge zu behalten.
Eine „südliche Tour" wird es heuer nicht
geben; dazu fehlt auch die Reise-
gefährtin; durch Minna's Krankheit
wird auch Martha unbeweglich.Das Alltagsleben wird das Licht der
Öffentlichkeit in diesen Tagen er-
blicken, doch wahrscheinlich erst
halb geboren, so daß ich Dir den
Sonderabdruck erst im August schicken
kann. Es ist zu stark für ein einziges
Heft der Monatsschrift.Martin dichtet jetzt wenig, er
zeichnet u malt, meist Thierphantasien
von gutem Humor, fängt an Bewegungen
zu characterisiren udgl. Wichtiger ist
vielleicht, daß er mit einem relativ
guten Zeugniß in die 2te Klasse
aufgestiegen ist. Oli's Aufnahmsprüfg
ist es, die uns bis zum 15 dM
hier festhält. So lange halten -
S.
auch alle meine großen Kinder aus. –
Von den traurigen Veränderungen
in Kaltenleutgeben bin ich natürlich
gut umerrichtet. Wir werden in
nächster Woche hinaus fahren u dort
auch Königstein besuchen, dessen Tochter
dort ihr erstes Kind erwartet.
„Geburt und Tod usw.Deine Mutter quält sich wol schrecklich.
Die Darstellg, warum der eine plötzlich
in voller Kraft abstirbt, der andere
sich bis in's Letzte zersetzt, stelle
ich mir nach Deinen Andeutungen
sehr interessant vor. Merkwürdiger
Weise sind wir mit beiden Verlaufs-
arten unzufrieden.Hast Du gelesen, daß die Engländer
auf Kreta (Knossos) einen alten
Palast aufgegraben haben, den
sie für das richtige Labyrinth des
Minos erklären? Es scheint, daß -
S.
Zeus ursprünglich ein Stier war. Auch
unser alter Gott soll zuerst, vor
der durch die Perser angeregten
Sublimirung, als Stier verehrt
worden sein. Es giebt da allerlei zu
denken, worüber noch nicht zu schreiben
ist.Ich grüße Dich herzlich u wünsche
Dir u den Kindern leichtes Glück
in den bevorstehenden Krankheits-
tagen. Der Kleine wird der Infektion
wol noch entgehen?
In Treue
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße
Berlin 10785
Deutschland
C28F3