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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.27.6.99
Theurer WilhelmSchönen Dank für den unverdient
reichhaltigen Brief. Ich bescheide mich
zu warten, die sonstige Klage über
die unaufhebbare Entfernung habe ich
mir resignirt abgewöhnt. Ich hoffe,
Dein Weg wird Dich noch weiter
führen und noch tiefer und als neuer
Kepler wirst Du uns die ehernen
Regeln des biologischen Getriebes
enthüllen. Gewiß, Du hast einen Lebens-
beruf.Du schreibst nicht von dem Befinden
Deiner Frau. Da Du Optimist, ich Pessimist
bin, soll ich wol daraus ungünstige
Schlüße ziehen? Ich will es noch aufschieben.
Daß es Deiner Schwiegermutter so gut
geht, ist wol ein Triumph der Vernunft
und eine Schmach für die Wiener
„Geistesaristokratie". -
S.
Ich bin müde u freue mich sehr auf die
4 Tage vom 29-2/7, die ich in Berchtesgaden
zubringen werde. Die Schreiberei – ich
habe es einmal bis zu einem Bogen
im Tag gebracht – geht weiter, der Abschnitt
dehnt sich u wird weder schön noch
fruchtbar. Es ist doch eine Verpflichtg
ihn zu machen. Das Thema wird mir nicht
lieber dabei.Mathilde hat am 25/6 ihren Eintritt
in die Weiblichkeit besiegelt, etwas
frühzeitig. Gleichzeitig kam ein
Gedicht von Martin über die
Reise, wenigstens gleichzeitig hier
an, aber sicher gleichzeitig war
bei mir eine Migraine, an der
ich zu sterben vermeinte. Es ist
die dritte dieser Art u sehr ekelhaft.An den Wein gewöhne ich mich
allmählich, er scheint ein guter
Freund zu sein. Im Juli habe
ich vor, ihn viel zu trinken. -
S.
Morgen gebe ich die ersten Bogen in
den Druck; vielleicht gefällt es
anderen besser als mir. „Mir gefällt
sie nicht" könnte man Onkel Jonas
variiren. Meine eigenen Träume
erheben sich jetzt zu blödsinniger Complizirt-
heit. Unlängst berichtet man mir, Annerl
hätte zu Tante Minna's Geburtstag
geäußert: „An Geburtstagen bin ich
meistens ein bischen brav." Darauf
träume ich den bekan̄ten Schultraum
bei dem ich in der Sexta bin, u denke
dabei: „Bei solchen Träumen ist man
meistens in der Sexta." Einzig mögliche
Lösung: Annerl ist meine Sexta, mein
sechstes Kind! Brr . . .Es herrscht ein Hundewetter. Du merkst
daß ich nichts zu schreiben habe, nicht
heiter bin u Dich nicht durch Mittheilg
manmeiner kleinen neurotischen
Interessen v on Deinen schönen
Funden abziehen möchte. Darum -
S.
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