• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a.d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    8.5.01
    Theurer Wilhelm

    Gewiß darfst Du Dir die Fortdauer
    Deiner kräftigen Stimmung
    u die Wiederholung so erfrischender
    Zwischenzeiten auch zu meinem
    Geburtstag wünschen, u ich will
    selbstlos den Wunsch unterstützen.
    Dein Brief lag neben anderen Gaben
    die mich erfreut haben und die z. Th.
    auf Dich zurückweisen,auf dem
    Geburtstagtische, obwol ich gebeten
    hatte, von der elenden Mittelzahl,
    die zu klein für einen Jubilar und
    viel zu groß für ein Geburtstags-
    kind ist, abzusehen. Er hat mir nicht
    die kleinste Freude bereitet, bis
    auf die Stelle vom Zauber, die ich
    als überflüssiges Pflaster für

  • S.

    Deinen Zweifel am „Gedankenlesen"
    beanstände. Ich bleibe dem Gedanken-
    lesen treu u zweifle weiterhin am
    „Zauber".

    Sein Bestes leistet der Mensch erst in
    der Not, klingt mir von irgendwoher
    nach. Ich habe mich also, wie Du wünschest
    u schon einige Wochen, ehe Du es
    wünschtest, zurechtgekriegt u mit
    den Verhältnißen in Eintracht
    gebracht. Ein Orchideenkorb spiegelt mir
    Pracht u Sonnenglut vor, ein Stück
    Mauer aus Pompeji mit Centaur
    u Faun versetzt mich in das ersehnte
    Italien: Fluctuat nec mergitur !

    Meiner Schwägerin geht es in Edlach
    besser. Die Herzveränderungen sind
    jetzt recht deutlich, aber sie ist
    heiter u kann etwas gehen. Ich
    war bereits zweimal draußen
    einmal mit Oscar, an dem

  • S.

    man wirklich etwas hat. Die Kinder
    haben beschloßen, sich für einige Zeit
    des  Krankseins zu entwöhnen,
    was eine ganz angenehme Ab-
    wechslung bietet. Ich corrigire eben
    die ersten Seiten des „Alltagslebens"
    das 60 Seiten stark ausgefallen ist. Es
    misfällt mir großartig, hoffentlich
    anderen noch viel mehr. Die Arbeit
    ist ganz formlos u es stehen allerlei
    verbotene Dinge +++ darin. Zur
    Absendung der zweiten Arbeit habe
    ich mich noch nicht entschloßen. Eine
    neue Patientin, entgleiste Braut,
    hat die Lücke ausgefüllt, die durch
    die Abreise von Frl. Schiff entstanden
    ist, u löst sich natürlich ganz nach
    Wunsch. Auch sonst ist es nicht mehr
    so stille wie vor einigen Wochen.
    In 8 oder 14 Tagen werde ich Besuch
    von den Eltern Haller haben, die
    mit ihrer Tochter sehr zufrieden

  • S.

    sein können.

    Der Fortschritt in meinen Arbeiten ist
    offenbar nur von der vieltausend-
    fachen Wiederholung derselben
    Eindrücke zu erwarten, u ich bin ganz
    bereit, mich dem Nämlichen im̄er
    wieder zu unterziehen. Bis jetzt er-
    weist sich alles als richtig, ich
    übersehe aber den Reichtum noch
    nicht u kann ihn nicht mit dem Denken
    bewältigen.

    Bresgen wird einen aufmerksamen
    Leser finden. Du wirst Neues
    darin doch nicht vermieden haben.

    Sei recht herzlich gegrüßt von
    Deinem Sigm