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S.
3. Juli 99
Theurer WilhelmUnheimlich, wenn die Mütter
wackeln, die einzigen, die noch
zwischen uns und der Ablösung
stehen. Indeß schreibst Du, es
geht besser, beiden Müttern
also.Besonders freut es mich u uns Alle,
daß es der jüngeren Mutter
dießmal gut geht. Übung muß
da auch für etwas sein.Der Autor des „hochbedeutsamen,
leider von der Wissenschaft nicht
genug geschätzten Buches über den
Traum" befand sich 4 Tage
lang in Berchtesgaden vortrefflich
au sein de sa famille u ließ
sich nur durch einen Rest von
Schamgefühl abhalten, Dir keine
Ansichtskarte vom Königssee
zu schicken. Die Wohnung ist ein -
S.
kleines Juwel an Sauberkeit,
Einsamkeit u Aussicht, die Frauen
u Kinder behagen sich sehr u
sehen vortrefflich aus. Annerl
wird geradezu schön vor Schlim̄heit.
Die Buben sind bereits civilisirte
u genußfähige Menschen. Martin
ist ein komischer Kauz, feinsinnig
u gutmüthig in seinen Privat-
verhältnißen, ganz in eine humoristisch
phantastische Welt eingesponnen.
Wir gehen zB. an einer kleinen
Höhle im Felsen vorüber. Er
beugt sich hinab u fragt: Ist der
Herr Drache zu Hause?
ein, nur die Frau Drachin. Guten Tag
Frau Drachin. Der Herr ist nach
München geflogen? Sagen Sie ihm,
ich werde ihn nächstens besuchen
u ihm Bonbons mitbringen –
der Name „Drachenloch" zwischen
Salzburg u Berchtesg. hat das
veranlaßt. Oli ordnet hier Berge -
S.
wie in Wien Stadtbahn- u Tramway-
linien. Sie halten auch sehr gut
u neidlos zusam̄en.Martha u Minna lesen jetzt Briefe
von Hehn an einen Herrn Wichmann,
u da Du überhpt alles weißt, auch
in der Wichmanstraße gewohnt
hast, wollen sie von Dir wissen,
wer dieser W. war. Ich habe
ihnen angedeutet, daß Du etwas
Wichtigeres im Moment zu thun
hast.Weißt Du, woran mich der Ausflug
lebhaft erinnert hat? An unsere
erste Zusam̄enkunft 90 oder 91
in Salzbg u die Wanderung von
dort über den Hirschbühel
nach Berchtesgaden, wo Du dan̄
auf dem Bahnhof einen meiner
schönsten Anfälle von Reiseangst
mitangesehen. Auf dem Hirschbühel
stehst Du im Fremdenbuch
von meiner Hand eingetragen
als „Universalspezialist aus Berlin" -
S.
Zwischen Salzbg u Reichenhall hattest
Du, wie gewöhnlich, kein Auge für
die schöne Natur, sondern schwärmtest
von Mannesmann'schen Röhren.
Ich fühlte mich damals etwas gedrückt
durch Deine Überlegenheit, das
war die klare Empfindung,
u daneben lief eine unklare
die ich erst heute in Worte fassen
kann: die Ahnung, daß dieser
Mann seinen Beruf noch nicht
entdeckt hat, als der sich später
heraus stellte, das Leben in die
Fesseln der Zahlen u Formeln
zu schlagen. Auch von dem anderen
Beruf war damals noch keine
Rede, u hätte ich von Frl lda
Bondy erzählt, so hättest Du
noch gefragt: Wer ist das?Ich bitte, die betreffende
Dame von den Meinigen
herzlichst zu grüßen.
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
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