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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.23. März 1900
Theurer WilhelmIch muß Dir doch wieder ausführlich
schreiben. Was denkst Du Dir sonst?
Herzlichsten Dank vor Allem für
Minna's Aufnahme. Endlich habe ich
auch wieder etwas Ordentliches
über Dein Haus gehört.¿¿¿Daß es Deiner
Mutter wieder gut geht, gegen meine
Erwartung u darum doppelt erwünscht,
wie schön u wie klein das theure
Paulinchen ist, wie robust Conrad auftritt,
unseren alten Freund Robert nicht zu
vergeßen u seine apta dicta – jetzt
habe ich wieder einen guten Eindruck
davon bekom̄en. Daß Dein Interesse
für das Traumkind unverringert
geblieben ist u Du die Hand dazu bietest,
es der Rundschau u ihrem trägen
Referentenneaufzudrängen, habe
ich mit großer Genugthuung gehört.
Denn nach mancherlei Schwankungen -
S.
im Urtheil bin ich dabei stehen geblieben
Dir für die Patenschaft sehr dankbar
zu werden u es für gut u echt zu
halten. In vielen trüben Stunden
ist es mir zum Trost geworden, dieß
Buch hinterlassen zu können. Seine
Aufnahme - die bisherige mindestens –
hat mich zwar nicht gefreut; Verständniß
ist spärlich Lob nur wie Almosen,
es ist den meisten offenbar un-
sympathisch, von einer Ahnung des
Bedeutungsvollen an ihm habe ich
noch keine Spur gesehen. Ich erkläre
mir's so, daß ich um 15-20 Jahre voraus
gekom̄en bin. Dann kom̄t freilich die
regelmäßige Qual, die sich an ein
Urtheil in propriis heftet.Es hat noch kein Halbjahr gegeben, in
welchem ich mich so ständig u so innig
nach Zusam̄enleben mit Dir u dem
Deinigen gesehnt habe, wie das
eben abgelaufene. Du weißt, es
war eine tiefgehende innerliche
Krise, Du würdest sehen, wie alt ich
in ihr geworden bin. Es hat mich -
S.
darum mächtig gepackt, als ich hörte,
Du schlügest ein Wiedersehen in diesen
Ostertagen vor. Wenn man nicht verstünde,
Widersprüche feiner aufzulösen, müßte
man es unbegreiflich finden, daß ich
nicht eilig dem Vorschlage zustim̄e. In
Wirklichkeit ist es wahrscheinlicher, daß
ich Dir ausweichen werde. Nicht nur
mein fast kindliches Lechzen nach
dem Frühling u nach schönerer Natur,
das opferte ich gerne der Befriedigg
Dich für 3 Tage neben mir zu haben.
Es sind noch andere, innere Gründe
vom Aggregatzustand der Imponderab-
ilien, die mir aber schwer wiegen (aus
dem Naturreiche des Schigan's, wirst
Du vielleicht sagen). Ich bin innerlich
tief verarmt, mußte meine sämtlichen
Luftschlößer demoliren, u gerade eben
faße ich etwas Muth sie wieder aufzu-
bauen. Während der Katastrophe
des Einsturzes wärst Du mir un-
schätzbar gewesen, im gegenwärtigen -
S.
Stadium würde ich mich Dir kaum ver-
ständlich machen können. Ich habe meine
Depression dann mit Hilfe einer besonderen
Diät in intellektuellen Dingen besiegt
nun heilt es unter der Ablenkung langsam
aus. Wen̄ ich mit Dir wäre, würde ich
unvermeidlich versuchen, alles bewußt
zu fassen u für Dich darzustellen,
wir würden Vernunft u Wissenschaft
reden, Deine schönen u sicheren biologischen
Aufdeckungen würden meinen tief-
innersten (unpersönlichen!) Neid erwecken.
Das Ende wäre ich würde Dir 5 Tage
lang klagen u käme aufgewühlt
u unzufrieden in den Som̄er zurück,
für den ich wahrscheinlich meine
ganze Fassung brauchen werde.
Abhelfen läßt sich dem Allerwenigsten,
was mich bedrückt; es ist mein Kreuz,
ich muß es tragen, u weiß Gott, mein
Rücken ist bei der Anpassung merklich
krumm geworden. -
S.
Im Som̄er oder Herbst, nicht später, werde
ich Dich sehen, sprechen u Dir dan̄
auch alle Rätsel des Grafen Oerindur
aufklären. Du wirst Dich überzeugen,
es ist blos complicirt, aber gar nicht
meschugge, obwol die scheußliche Arbeit
mit all ihren Anforderungen auch etwas
von dem entschuldigen würde. Dann
wollen wir auch das pro und contra der
Nasentherapie erörtern, am liebsten
gleich am Objekt. Gegenwärtig dürfte
ich überhpt nicht nach Berlin. Familien-
pflichten würden mir keine ruhige
Stunde lassen. Meine älteste Schwester
Anna ist aus New York mit 4 Kindern
dort angekom̄en. Ich weiß nicht, was das
bedeutet, u ahne nichts Gutes. Ich habe
nie ein besonderes Verhältniß zu
ihr gehabt wie etwa zu Rosa u die
Heirat mit Eli B. hat es nicht gerade
verbessert. Aber von ihren 4 Kindern -
S.
kenne ich nur eines, u wenn ich nicht
der ohnmächtige Bettler wäre, Onkel
sein könnte, würde ich meine Kinder-
kolonie hier um ein paar Kleinigkeiten
vergrößern.Ich weiß nicht, was diese Reise bedeutet:
schwere Krankheit bei Anna, Reichtum,
Leichtsinn oder eine drohende Katastrophe
bei ihrem Mann? Genug, die Mutter
ist vor 2 Tagen hingefahren, Rosa u ihr
Man̄ reisen nächste Woche, Alexander
konnte der Versuchung nicht widerstehen,
über Samstag u Sonntag nach Berlin zu
gehen, u ich glaube, alle ebensosehr
aus Sorge wie aus ZärtlichkeitMeine Osterabsicht geht mit Alexander
nach Trient u von dort an den Gardasee,
mit langer Reise ein paar schöne
Frühlingsblicke zu erhaschen. Heute
3 Wochen, wen̄ nichts dazwischen
kom̄t, wollen wir abdampfen
4 Tage lang leben wie Studenten
u Touristen, wie wir es immer
thun. -
S.
Bei Maggie Haller ist wol sicher große
Besserung. Das subjektive Zugeständniß
derselben wirst Du wol kaum
erwarten, aber die Leistungsfähigkeit
u die psychische Veränderg lassen
keinen Zweifel darüber. Sie ist eine
passive Natur u erstaunlich, wie
schlecht sie die Zeit ausnutzen kann,
im̄er noch beständige Intoxikation,
Migraine, Müdigkeit, erotische Bilder
etc aber sie beginnt zu erzählen,
sie verkehrt mit Helene Schiff, war
einmal bei mir zu Abend u wird
regelmäßig eingeladen werden. Eine
gutmütige u feine Person, in tieferer
Schicht gynaekophil, mutterlieb; daher
die männlichen Bilder als Symptome
möglich.Vorige Woche hörten wir einen Vortrag
von G. Brandes über Lektüre. Thema
nichts Besonderes, Vortrag anstrengend
Stim̄e schnarrt, die Aussprache fremd-
artig, aber der Mann eine Erholung. -
S.
Die ganze Art muß den guten Wienern
fremdländisch genug erschienen sein,
er sagte dem Publikum eigentlich
nur Grobheiten. So strenge Lebens-
auffassung kennen wir hier nicht;
unsere kleine Logik wie unsere
kleine Moral sind von der
nordischen doch schon sehr verschieden.
Ich habe geschwelgt im Zuhören, Martha,
bei der Ehrgeiz ein sehr erhebliches
Element ist, hat mich dan̄ veranlaßt,
ihm ein Traumbuch in's Hotel zu schicken.
Er hat bis jetzt nicht darauf reagirt,
vielleicht liest er es wirklich zu Hause.Nun leb recht herzlich wol mit Ida
u den Kindern. Ich hoffe von Dir
bald zu hören u Dir noch mehrmals
vor Ostern zu schreiben.
Dein getreuer
Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F15