• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    16.I.99
    Theurer Wilhelm

    Du wirst die Anknüpfg für diesen Brief 
    ofort verstanden haben. Arbeit und Scirocco
    hatten mich so elend gemacht, daß ich mit
    den zwei Frauen zum Ancora verde gegangen
    bin, in einer Flasche Barolo Kräftigg
    zu suchen. Von dort komme ich nun zurück.
    An den Wein knüpft sich allerlei Tröstliches 
    u so schreibe ich Dir jetzt. 

    Wenn ich nicht durch 10 St Sprechen so schreib-
    faul wäre – Du wirst es meiner ungleichen
    Schrift anmerken – so könnte ich Dir eig-
    entlich eine kleine Abhandlg über die
    kleinen Fortschritte der Wunschtheorie
    schreiben, den̄ das Licht ist seit dem 3. Jan 
    nicht mehr ganz ausgegangen und die
    Sicherheit, einen wichtigen Knotenpunkt 
    in die Hand bekom̄en zu haben, auch
    nicht. Vielleicht ist es aber besser, wenn ich
    spare u sam̄le, um auf dem Osterkongreß 
    nicht wieder als armer Schnorrer vor
    Dir zu stehen u Dir nur durch Ankündigungen
    Lust mache.

  • S.

    Auch ein paar andere Dinge haben sich
    ergeben von minderer Bedeutung, 
    zB daß die hyst. Kopfschmerzen auf einer
    phantastischen Vergleichg beruhen, die das
    Kopfglied mit dem Endglied gleichstellt.
    (Haare hier u dort - Backen u Hinterbacken, 
    Lippen u Schamlippen, Mund = Vagina,
    so daß der Migraineanfall zur Darstellg 
    iner gewaltsamen Defloration ver-
    wendet werden kann u das ganze Leiden
    doch wieder eine Wunscherfüllungssituation
    darstellt. Die Bedingg des Sexuellen stellt
    sich im̄er schärfer u schärfer, bei einer
    Pat (die ich mit dem Phantasieschlüßel
    zurecht gebracht habe) gab es im̄er Zustände
    von Verzweiflg mit der mel. Überzeugg, 
    sie tauge zu nichts, sei nicht leistgsfähig 
    udgl Ich meinte im̄er, sie habe einen analogen
    Zustand eine wirkliche Melancholie der 
    Mutter, in frühen Kinderjahren mit angesehen. 
    Es war der früheren Theorie conform,
    ließ sich aber in 2 J. nicht bestätigen. Jetzt
    ergiebt sich, daß sie als 14j. Mädchen
    eine Atresia hymenalis an sich ent-

  • S.

    deckt hat u verzweifelt war, als Weib nichts
    zu taugen, etc. Melanch – also Impotenz Furcht.
    Ähnliche Zustände, in denen sie sich nicht ent-
    schließen kann, einen Hut, Kleid zu wählen,
    gehen auf den Kampf zur Zeit, da sie
    ihren Mann zu wählen hatte, zurück.

    Bei einer anderen Pat. habe ich mich
    überzeugt, daß es eine hyst. Melanch 
    wirklich giebt u wodurch sie sich aus-
    zeichne auch die vielfachsten Übersetzgen
    derselben Erin̄erung notirt u von dem
    Zustandekom̄en der Mel durch Sum̄ation
    eine erste Ahnung bekom̄en. Diese Kranke
    ist übrigens total anaesthetisch, wie sie
    nach einer Idee aus den ältesten Zeiten
    der Neurosenarbeit sein sollte.

    Von einer dritten habe ich auf folgende
    interessante Art gehört. Ein hochstehender
    u hochvermögender Herr (Bankdirektor) 
    etwa 60 J alt, sucht mich auf u unterhält
    mich von den Eigentümlichkeiten eines
    jungen Mädchens, mit dem er ein Ver-
    hältniß hat. Ich werfe die Vermuthg hin,
    sie sei wol ganz anaesthetisch. Im Gegen-
    theil, sie hat 4-6 Entladgen während
    eines Coitus. Aber – sie geräth schon

  • S.

    bei der Annäherg in Tremor, ist unmittelbar
    nachher in einem pathol. Schlaf u spricht
    aus diesem wie aus einer Hypnose 
    führt auch posthypnot Suggestionen aus,
    für den ganzen Zustand volle Amnesie.

    Er wird sie verheiraten u für den
    Man̄ wird sie sicher anaesth. sein.
    Der Alte wirkt offenbar durch die mögliche
    Identif. mit dem hochvermögenden
    Vater der Kinderjahre so, daß er die
    an Phantasien hängende Libido flüssig
    machen kann. Lehrreich!

    Den Palolo Wurm hast Du erhalten,
    das sind gute Vorbereitgen für das,
    was Du mitzutheilen hast.

    Kinder u Frau sind jetzt endlich wieder
    wol. Annerl ist plötzlich eines Morgens
    genesen u seither köstlich frech.

    Leb recht wol grüß herzlich Frau u 
    Kinder u gib mir bald Nachricht.
    Dein Sigm