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[Das Original dieses Briefes liegt im Jüdischen Nationalmuseum der Universitätsbibliothek in Jerusalem. Der hier vorliegende Text ist eine Abschrift der Transkription von Gerhard Fichtner (Masson, Hg., 1896)].
23.7.1904
Lieber Wilhelm
Auch ich glaube, daß der selige Weininger ein Einbrecher war mit einem gefundenen Schlüssel.
Hier alles, was ich darüber weiß. Swoboda der sein intimer Freund war und bei mir von der Bisexualität gehöret hat, die in jeder Kur zur Sprache kommt, hat ihm, wie er erzählt, das Wort Bisexualität hingeworfen, als er ihn mit sexuellen Problemen beschäftigt fand. Weininger schlug sich darauf auf die Stirne und lief nach Hause, sein Buch niederzuschreiben. Ob dieser Bericht korrekt ist, bleibt freilich meiner Beurteilung entzogen.
Im übrigen meine ich, Weininger, der sich angeblich den Tod aus Furcht vor seiner Verbrechernatur gegeben hat, hätte die Idee der Bisexualität auch anderswoher bekommen können, da diese in der Literatur bereits längere Zeit eine Rolle spielt. Die Detailübereinstimmungen wird man sich wohl so erklären müssen, daß er, einmal auf die Idee gebracht, einen Teil der Folgerungen richtig – einen größeren wohl falsch – erraten hat. Denn Swoboda will ihm keine weiteren Aufschlüsse gegeben haben, hatte auch keine zu vergeben, da er mir nichts weiter erfahren hat, als was in der Kur vorkommt, daß bei jedem Neurotiker eine starke homosexuelle Strömung zu finden ist.
Swoboda ist nicht, wie Du schreibst, mein Schüler. Er ist als Schwerkranker zu mir gekommen, hat dieselbe Hilfeleistung gefunden und dieselben Dinge von mir erfahren wie jeder andere; an seiner Entdekkung, die vielmehr Deine Ideen aufgreift, bin ich ganz unbeteiligt; sein Buch habe ich vor der Publikation nicht gelesen; als ich es las, war ich über die Art neurotischer Dankbarkeit, seine Funde zur Bekämpfung meiner Traumtheorie zu verwerten, sehr erstaunt. Er hat mich einfach ausgenützt, schließlich auch dazu, ihm einen Verleger zu schaffen, was ich auf seine Qualitäten als Arbeiter hin, mit ausdrücklicher Ablehnung der Verantwortlichkeit für diese Arbeit, getan habe. Zu solchen Dingen bin ich immer bereit, mit dem Vorsatz, sie später nie
zu bereuen. –
Ich stelle gegenwärtig „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" fertig, in denen ich dem Thema der Bisexualität möglichst ausweiche. An zwei Stellen kann ich es nicht; bei der Erklärung sexueller Inversion; dort gehe ich so weit, als die Literatur es gestattet (Krafft-Ebing und Vorgänger, Kiernan, Chevalier u. a.), dann bei der Erwähnung der homosexuellen Strömung bei Neurotikern. Dort gedenke ich eine Anmerkung anzubringen, daß ich durch Deine bestimmten Äußerungen auf die Notwendigkeit dieses Fundes vorbereitet worden bin. Oder Du magst mir eine ähnliche Formulierung vorschlagen.
Das Übrige handelt von infantilem Sexualleben und von Komponenten des Sexualtriebes.
Mit herzlichem Gruß
Dein Sigm