• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    B. 16.Sept 99
    Theurer Wilhelm

    Ich habe sehr lange nichts von Dir gehört 
    aber es ist kaum Deine Schuld.
    Auch Du hast vielleicht Nachrichten u 
    besonders die Entscheidg, ob ich komme 
    von mir erwartet. Nun, Du weißt, wie
    es gekom̄en ist. Wir waren mehrere Tage
    von aller Welt abgeschnitten, wieder
    einmal, können uns jetzt wenigstens
    telegraphisch mittheilen, haben aber noch 
    im̄er keine Zeitg seit Mittwoch früh;
    u sehr mangelhaften u nicht unbedenk-
    lichen Bahnverkehr.

    Meine Absicht kann ich Dir jetzt, nachdem
    sie unausführbar geworden, verraten. 
    Ich habe es im letzten Brief unsicherer
    gemacht, daß ich kom̄e, als es bei mir
    war. Der Plan stand eigentlich fest,
    Freitag früh von hier nach München
    zu fahren (Donnerstag unser Hochzeitstag) 

  • S.

    Samstag von München nach Berlin u Dich
    Sonntag früh überraschend zu besuchen.
    Gleichzeitig sollte Minna nach Hamburg
    zu ihrer Mama. In München wären wir
    noch beisam̄en gewesen. Da kam der
    5tägige Regen, die Nachrichten, daß
    alle Verbindgen zwischen hier u Salzburg,
    hier u Reichenhall, R u München usw 
    mehrfach unterbrochen sind, u nun ist
    die schöne Absicht fallengelassen. Es
    ist das zweite Mal, daß das Hochwasser
    unser Zusam̄entreffen stört. Ich muß
    darauf rechnen, daß ich nur auf einem
    großen Umweg nach Wien kom̄e 
    u will es Dienstag früh versuchen.
    Von dem ersten Unfall nach der
    Wiederaufnahme des Verkehrs haben
    wir bereits durch Extraausgabe des
    B. Anzeigers Nachricht.

    So hat der schöne Som̄er ein garstiges
    Nachspiel gehabt. Uns ist natürlich nichts
    geschehen (natürlich bezieht sich auf die Lage
    unseres Hauses), auch sonst in B. wenig 
    die Straßen sind aber gründlich verdorben,

  • S.

    ich war gestern zu Fuß (4 St. für Wagen unpassirbar)
    in dem theilweise überschwem̄ten Salzburg.

    Meinen dießmal riesengroßen Grant nach
    Abschluß des Manuscriptes, der also nicht
    blos fingirt war, um die Überraschung
    zu ermöglichen, habe ich zwar nicht überwunden,
    aber wie man's in solchen Fällen im̄er
    thut, resignirt bei Seite gelassen. In den
    Correcturen bin ich auch unterbrochen
    worden. Es ist voller Herbst, u Breuer hier
    so eingesperrt wie ich, so daß wir täglich
    begegnen müßen, wo dan̄ alles Weibliche
    hüben u drüben sehr zärtlich gegeneinander
    thut. Auch ein Motiv sich wegzuwünschen.
    Erwartete ich nicht eine schlechte Saison
    u wäre nicht durch die 2 Momente 
    in Deutschland noch intoleranter gegen
    Wien, so würde ich die Verlängerg des
    Aufenthaltes noch viel schlechter ertragen.

    Wan̄ dieser Brief in Deine Hände
    kom̄t, kann ich nicht vorhersehen. Du
    schreibst mir jedenfalls nicht mehr hieher 
    sondern lässest mich nach Wien wissen 

  • S.

    ob die Besserung im Befinden Deiner lieben
    Mutter andauert u wie es Dir u den
    Deinigen allen geht. Von Wien aus werde
    ich Dich ja bald mit neuen Zusendungen
    überschütten müßen, worunter sich
    auch ein neuer S. A.  (Deckerin̄er-
    ungen), den ich im Sept erwarte, befinden
    wird.

    Der Wanderer nach Rom-Karlsbad, der Dich
    dort am Ziele zu treffen hofft, ist also
    momentan wieder nicht sehr hoffnungs-
    freudig. Aber Du bist es von mir schon
    gewohnt, wie ich, an Dir die Gegenstim̄ung zu
    finden.

    Mit herzlichstem Gruß
    Dein Sigm