• S.

    Aussee 20/8 98
    Theurer Wilhelm

    Deine Zeilen haben mir die Genüße
    der Reise wieder belebt. Es war
    wirklich herrlich, das aus wenigen
    Elementen in einfachen Linien
    zusam̄engesetzte Engadin, eine
    Art Nachrenaissance von Land-
    schaft, u Maloja mit Italien
    dahinter u einem vielleicht nur

    von der Erwartg eingetragenen
    italienischen Character. Leprese
    war für uns ein Zauberidyll
    auch durch die Aufnahme, die wir
    dort fanden u durch den Contrast,
    den der Weg von Tirano hinauf
    mit sich brachte. Wir mußten diesen,
    der nicht gerade eben ist, im
    entsetzlichsten Staubsturm machen u 
    kamen halbtodt oben an. Die
    Luft machte mich heiter u streitsüchtig
    erregt, wie ich es selten gewesen
    bin. An der Güte meines Schlafes
    haben die 1600 m mehr nichts
    geändert.

  • S.

    Bis zum letzten Tag in Maloja
    hat uns die Sonne nicht genirt 
    Dan̄ wurde es aber heiß, selbst
    für oben, u es fehlte uns
    der Mut, nach Chiavenna dh an
    die Seen herabzugehen. Ich
    glaube, es war klug, denn einige
    Tage später in In̄sbruck gab es
    für uns beide Zustände von
    lähmungsartiger Schwäche. Seither
    ist es auch im̄er heißer geworden
    u hier in unserem schönen
    Obertressen liegen wir von
    10h früh- 6h abds auf verschiedenen
    Unterlagen herum, ohne
    einen Schritt über die Grenze
    unseres kleinen Gutes zu wagen.

    Eine kleine römische Statuette 
    die ich in In̄sbruck gekauft, hat
    Annerl nicht unpassend „ein
    altes Kind" genannt.

    Scheinbar allem Nachdenken
    entrückt, kaum im Stande
    zB Deine schönen Aufklärungen
    über die Lebenszeit der alten
    Leute zu verstehen, beschäftige

  • S.

    ich mich jetzt wesentlich mit der Kränkg
    darüber, daß die Ferien schon
    so weit aufgezehrt sind. Ein
    lebhaftes Bedauern, daß Ihr Beide
    diese Zeit über an die Stadt
    gebunden seid, wird dan̄ durch die
    Erwägg gemäßigt, daß Du Deine
    Reisezeit hinter Dir hast u Ida
    einen schönen Ersatz dafür vor
    sich.

    Doch, ich habe auch Nansen durch-
    flogen, für den mein ganzes
    Haus schwärmt. Martha, in der
    die Nordländer (Großmama, die
    jetzt bei uns ist, spricht noch Schwedisch)
    offenbar ihr Jugendideal erneuern 
    das sich im Leben für sie nicht ge-
    troffen hat, Mathilde, die vom
    griechischen Helden, der sie bisher
    erfüllt, den Übergang zum Wikinger
    herstellt, u Martin, der wie
    gewöhnlich mit einem – nicht üblen –
    Gedicht auf die 3 Bde Abenteuer
    reagiert hat.

  • S.

    Ns Träume werde ich sehr gut
    verwenden können, sie sind
    geradezu durchsichtig. Daß sein
    seelischer Zustand
    einfach typisch ist für den, der Neues
    wagt u Vertrauen in Anspruch
    nim̄t, u der wahrscheinlich auf
    falschem Weg was Neues entdeckt
    u nicht so viel, als er sich vorgestellt,
    das weiß ich aus eigenster
    Erfahrg. Dich hält zum Glück
    die sichere Harmonie Deines
    Wesens davon ferne.

    Nach Chiavenna habe ich geschrieben.
    Ich grüße Dich u Deine liebe
    Frau herzlichst. Ich bin noch
    im̄er nicht ausgesöhnt mit
    der Entfernung, die uns
    während der Arbeitszeit
    trennt u sich während der
    Ferien so selten aufhebt. 
    Dein Sigm