• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ....
    IX., Berggasse 19.

    10.7.19

    Theurer Wilhelm

    Es erklärt u löst sich doch leicht.
    Da Du mir bisher keinen bestim̄ten
    Anhalt geben konntest u ich einen
    solchen festen Punkt hatte, verschob
    ich unseren Congreß auf eine spätere
    Ferienzeit. Seitdem Du Deme Pläne
    eröffnet hast, kan̄ ich nur antworten,
    daß es mir vortrefflich so paßt.
    Ich kan̄ am 31. 7 in Innsbruck sein,
    dort bis z. 4/8 mit Dir bleiben,
    am 4/8 können die Frauen nach-
    kom̄en u ich gehe mit Martha nach
    Landeck von wo aus wir die
    Wagenfahrt nach Trafoi machen.
    Wenn kein Kind krank wird, kein
    Steg einstürzt usw, wird es so sein.
    Ich habe ein leichtes Bedauern zu
    überwinden, daß ich die Kinder
    wieder nicht sehen soll, auch daß
    Du mich auf dem Gipfel der
    Erschöpfg u übelen Laune sehen
    sollst, ab.er die Zusam̄enkunft

  • S.

    bleibt doch die Hauptsache u jeder
    Aufschub bringt Gefahren mit sich.
    Deine weiteren Absichten hast Du
    mir nicht mitgetheilt; ich weiß also
    gar nicht, ob es anders in diesen
    Ferien ginge. Das wäre abgemacht
    u ich freue mich darauf, nachdem
    ich lange Zeit nichts gehabt, worauf
    ich mich hätte freuen können.

    Auf die Details Deiner Rehabilitirg
    sowie auf alles Andere was Du
    mir versprichst, bleibe ich sehr neu-
    gierig, ohne Dir Gegenleistungen
    zu versprechen. Ich bin von der Arbeit
    u allem, was daran hängt, damit
    keimt, lockt u droht, ganz erschöpft.
    Der Som̄er war übrigens nicht sehr
    schlecht. Was vor einem Jahr ein
    Problem schien, sich Son̄erbeschäftigg
    zu verschaffen, zeigt sich jetzt als
    erledigt. Es ist einerseits nicht noth-
    wendig, andererseits reichten
    meine Kräfte dazu nicht aus.

  • S.

    Von den großen Problemen ist noch nichts
    entschieden. Alles wogt und däm̄ert, eine
    intellektuelle Hölle, eine Schicht
    hinter der anderen; im dunkelsten
    Kern die Umrisse von Luzifer-Amor
    sichtbar.

    Das Wolgefallen der Menschen am
    Traumbuch beginnt mich kalt zu
    lassen u ich beginne, sein Schicksal
    zu beklagen. Der Stein ist durch den
    Tropfen offenbar nicht weicher geworden.
    Ich habe übrigens von keiner weiteren
    Besprechg gehört; gelegentliche Aner-
    ken̄ungen im Verkehr fallen
    beleidigender aus als die sonstige
    schweigsame Verurtheilung. Ich
    selbst habe bis jetzt noch keine
    Correctur aufgefunden. Es ist
    u bleibt wol war. Den kleinen
    Traumaufsatz habe ich auf Oktober
    verschoben.

  • S.

    Das Wiedersehen am 31/7 oder 1 Aug
    wenigstens ist ein Lichtblick. Halten
    wir daran fest. Die Details
    können wir noch besprechen. Viel-
    leicht, daß sich anstatt Innsbruck
    ein anderer Ort derselben
    Strecke einschieben läßt. Übrigens
    auch nicht wesentlich.

    Mit herzl Grüßen für
    Deine liebe Frau u Kinder
    Dein Sigm