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[Briefkopf III Berlin] 26. II. 11.
Lieber Herr Professor,
Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich mit meinem Opus gegeben haben und freue mich, daß es gleich zum Druck weitergehen konnte. Sie bemerken, daß die Arbeit in manchem »diskret« sei. Das ist richtig und bezieht sich hauptsächlich auf die Frage der homosexuellen Komponente. Hier war das Material zu dürftig. Die Ähnlichkeiten mit Leonardo sind mir von Anfang an aufgefallen; vielleicht kann ich bei der Korrektur noch eine Bemerkung darüber einflechten. Nun will ich Ihnen von Fließ berichten. Ich fand sehr liebenswürdige Aufnahme. Er enthielt sich aller nach Wien zielenden Feindseligkeiten. Gegen die neueren Ergebnisse der Psychoanalyse hat er sich seit dem Konflikt abgeschlossen, zeigte sich aber ehr interessiert für alles, was ich ihm berichtete. Den faszinierenden Eindruck, den Sie voraussagten, habe ich nicht empfangen (Fl. mag sich in den letzten Jahren verändert haben), aber doch den Eindruck eines scharfsinnigen und originellen Forschers. Eigentliche Größe fehlt ihm nach meinem Gefühl. Davon fällt auch etwas auf sein wissenschaftliches Arbeiten. Er geht von einigen wertvollen Gedanken aus; alle weitere Arbeit kreist dann um den Beweis ihrer Richtigkeit oder um ihre noch genauere Fassung. – Mir kam er ohne Vorurteil entgegen, machte mir inzwischen auch seinen Gegenbesuch, und ich muß ihm nachsagen, daß er keinen Versuch gemacht hat, mich
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(in dem befürchteten Sinne) zu sich hinüberzuziehen. Ich habe viel Interessantes von ihm erfahren und freue mich sehr, seine Bekanntschaft gemacht zu haben – vielleicht die wertvollste, die ich unter Berliner Ärzten machen konnte. Ich bedaure Sie so sehr um die inneren Vereins-Konflikte, um so mehr, als sich bei uns bisher alles in den angenehmsten Formen abspielt. – Putnam hat mir ebenfalls Freude gemacht, ebenso Brills Organisation. Die Sache geht überhaupt vorwärts. Ich war in letzter Zeit mehrfach erstaunt, wieviel schon in weitere Kreise gedrungen ist. In dieser Woche beginne ich wieder einen vierwöchigen Kurs, vorausgesetzt, daß sich Teilnehmer finden. Die Praxis ist seit längerer Zeit recht lebhaft, sodaß ich meist acht Stunden beschäftigt bin. Für das Zentralblatt schreibe ich einen Artikel über das Erröten. Ich werde ihn demnächst mit einigen kleinen Mitteilungen einsenden. Mit herzlichen Grüßen, auch für die werten Ihrigen,
Ihr ergebener Abraham
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