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[Briefkopf Kurhaus Stoos] 9. August 1912
Lieber Herr Professor,
Zwischen meiner letzten Karte und dem heutigen Brief liegt ein längerer Bronchial-Katarrh, der mir die Ferien verschönt hat. Praktisch war er bedeutungslos, denn man hätte auch sonst die letzte Woche vor Regen nicht im Freien sein können. Ich hoffe, Sie haben es angenehmer getroffen und
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haben auch von der Kur den erwarteten Erfolg. Nun zur Frage unsres Zusammentreffens! Wir reisen von hier Amorgen nach Brunnen, von da am 17. für einen Tag nach Zürich, dann nach Bremen zu meinen Eltern und sind am 23. wieder in Berlin. Zuhause erwartet mich sofort ziemlich viel Arbeit, und ich könnte sie nicht gut sofort wieder unterbrechen, um Sie in Tirol zu treffen. Auch sonstige Rücksichten machen es mir unmöglich. Am liebsten würde ich mit nach London gehen, aber auch dazu würden genügend lange Ferien gehören. So muß ich doch mit Ihrer Rückreise durch Deutschland rechnen. Sie in Berlin zu begrüßen, würde mich ja besonders freuen. Aber Sie sollen sich nicht nach mir richten, wenn es Ihnen Unbequemlichkeiten macht. Ich könnte Ihnen etwa
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entgegenreisen, Sie in irgendeiner Stadt treffen etc. Auf alle Fälle werde ich die nötige Zeit frei machen. Über Zürich habe ich in den letzten Wochen manches gehört. Näheres darüber bleibt wohl besser der mündlichen Besprechung vorbehalten. Ich stelle die Prognose nicht gar so ungünstig. In der Motivierung erinnern Jungs Widerstände sehr an Adlers, aber da es sich um einen Menschen ohne paraphrenische Einstellung handelt, so wird es schon wieder anders kommen, genau wie vor vier Jahren. Er schwankt leider zwischen dem ablehnenden Verhalten der letzten Zeit und einem rücksichtslosen Draufgängertum. Ich glaube, dies letztere hat uns mehr gekostet als ersteres. Ich habe dabei nicht nur Bleuler im Auge. Ich bin froh, daß wir jetzt keinen Kongreß haben; bis zum nächsten Jahr, glaube ich, ist alles wieder ausgeglichen.
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Das Wissenschaftliche, das ich kürzlich andeutete, ist sehr verschiedener Art, und deshalb für einen Ferienbrief wohl kaum geeignet. Nur auf eine mich schon länger beschäftigende Frage will ich ganz kurz eingehen. Es handelt sich um einen durch Psychoanalyse geheilten Fall von Heufieber, und um die theoretischen Folgerungen daraus. Ich hatte den Patienten im vorigen Frühjahr wegen einer Neurose in Behandlung; während der er- sten Analysen-Monate litt er gleichzeitig schwer unter Heuschnupfen und besonders Heu-Asthma. Ich entließ ihn nicht, ohne auch nach den psychosexuellen Wurzeln des Heufiebers zu fahnden. Nun hörte ich kürzlich von ihm, daß er – von der sonstigen Besserung abgesehen – in diesem Jahr vom Heufieber frei geblieben ist. Ich erwarte nun weitere Nachrichten, lieber Herr Professor. Meine Adresse von morgen bis zum 16.: Brunnen (Schweiz), Poste restante, dann Bremen, Uhlandstr. 20. Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihre Gattin Ihr ergebener Abraham
Kurhaus Stoos ob Brunnen
Stoos 6433
Switserland
„Zum Goldenen Schlüssel“
Karlovy Vary 36001
Tsjeggië
C15F4