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    [Briefkopf III Berlin] 28. 4. 12.

    Lieber Herr Professor,

    Es gab in der letzten Zeit nichts Besonderes mitzuteilen, darum habe ich Ihre Zeit nicht durch Korrespondenz in Anspruch genommen. Ihre vor einigen Tagen erhaltenen Zeilen gaben mir Anlaß zum Schreiben, vor allem um Ihnen für die Patientin zu danken, die allerdings noch nicht eingetroffen ist, und für den Sonderabdruck aus der Imago. Und damit zugleich meinen Glückwunsch zu diesem dritten Kinde! Ich freue mich über die geschmackvolle Ausstattung; sie gefällt auch sonst allgemein. Ihr Beitrag ist mir besonders wichtig wegen eigener, allmählich reifender Interessen. Meinen 

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    längst fälligen Beitrag zur Imago (Amenhotep) habe ich beinahe fertig. Die Praxis, die sich fast immer auf der gleichen Höhe hält, absorbiert mich. Dazu kommt manches Familiäre – zuerst eine schwere Erkrankung meines Vaters, von der er sich jetzt leidlich erholt hat. Meine Frau und ich waren in Bremen, um ihm zum 70. Geburtstag zu gratulieren, zu dem er gerade vom Bett aufgestanden war. Nach der Rückkehr zog der Keuchhusten ein, an dem beide Kinder leiden und zum Überfluß noch meine Frau und das Kinderfräulein infiziert haben. Daß der Kongreß erst im nächsten Jahre stattfinden soll, ist mir ganz recht. Nur wäre mir Frühjahr sehr viel sympathischer als Herbst. Aus unsrer Gruppe ist nicht viel Neues zu sagen. Von Berlin sonst allerdings, daß im Publikum das Interesse für die Psychoanalyse 

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    im Zunehmen ist. Interessieren wird es Sie jedenfalls, daß es, wie mir mündlich berichtet wird, nach der Versammlung der Kant-Gesellschaft in Halle zu einer inoffiziellen Debatte über die Psychoanalyse kam, in der sich sehr viele als gut unterrichtet erwiesen und die allgemeine Stimmung eher zu Gunsten als zu Ungunsten war. – Haben Sie die »Intellektuellen« von Grete Meisel-Hess gelesen? Im Zentralblatt wies Stekel kürzlich nach, der Selbstmord einer Frau als Folge der Psychoanalyse sei unhaltbar. Ich habe nun die Autorin und die Heldin, die durch Selbstmord geendet hat, kürzlich sehr vergnügt beieinander gesehen, was mich außerordentlich beruhigt hat! Eine Besucherin des Weimarer Kongresses, Frau Lou Andreas-Salomé, war jetzt einige Zeit in Berlin. Ich habe sie genau kennen gelernt und muß sagen, daß 

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    ich einem solchen Verständnis der Psychoanalyse, bis ins Letzte und Feinste, noch nicht begegnet bin. Sie kommt im Winter nach Wien und möchte gern den dortigen Sitzungen beiwohnen. Mein »Traum und Mythus« ist vor einiger Zeit russisch erschienen und wird demnächst englisch im Journal of Nervous and Mental Diseases in Amerika erscheinen. Ich hoffe, Ihnen und den Ihrigen geht es gut und füge die herzlichsten Grüße, auch von meiner Frau, hinzu. Ihr ergebener Abraham