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Kurhaus Stoos ob Brunnen , 24. VII. 1912
Lieber Herr Professor,
Ihr letzter Brief ist schon sechs Wochen alt und noch unbeantwortet. Jetzt sind Sie schon eine Weile in Karlsbad – hoffentlich mit recht gutem Erfolg –, und ich darf Sie jetzt mit ein paar Zeilen in der Ferienruhe stören. Vor allen Dingen interessiert es mich, wie Sie sich ein etwaiges Zusammentreffen im September denken. Kommen Sie etwa nach Berlin? Ich werde etwa
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am 21. August wieder dort sein. Natürlich wäre mir ein Rendezvous anderswo auch recht, wenn es nicht gar zu weit von Berlin abliegt. Jedenfalls freue ich mich schon sehr darauf. Mit Rücksicht auf diese Möglichkeit der Aussprache will ich heute auf Wissenschaftliches nicht eingehen. Zu meiner großen Freude folgen sich die Neuauflagen jetzt mit großer Schnelligkeit. Und endlich ist nun auch der »Witz« darunter. Darauf hatte ich schon lange gewartet. Und der rasche Erfolg der Imago ist gewiß ein günstiges Zeichen. Kurz vor der Abreise besuchten mich Ferenczi und Rank. Von letzterem habe ich mir Näheres erzählen lassen. Er brachte auch das Inzestmotiv mit. Ich habe es mir mit in die Ferien genommen. Viel kann ich noch nicht darüber sagen; nur soviel, daß es den Eindruck einer ausgereiften Arbeit macht, und daß es der ganzen Sache
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sicherlich sehr dienen wird. Echnaton ist kurz vor der Abreise in umgearbeitetem Zustand an die Redaktion der Imago gegangen. Ich erwarte hier die Korrektur. Ich genieße hier die Ruhe mit vollen Zügen. Seit den kurzen Weihnachtsferien habe ich täglich meine zehn Analysen-Stunden geschafft. Die Praxis ist auch lukrativer geworden. Die bisherigen Monate des Jahres 1912 haben mir schon 11000 M. gebracht. Ich will aber bald an die erste Honorarerhöhung gehen. Sie sehen, es ist selbst in Berlin kein Martyrium mehr, Ihr Anhänger zu sein. Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihre Gattin von meiner Frau und mir, Ihr ergebener Abraham
Kurhaus Stoos ob Brunnen
Stoos 6433
Switserland
„Zum Goldenen Schlüssel“
Karlovy Vary 36001
Tsjeggië
C15F4