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    [Briefkopf III Berlin] 25. II. 12.

    Lieber Herr Professor,

    Ich will meinen lange aufgeschobenen Brief mit der erfreulichen Mitteilung beginnen, daß ich bis an den Hals in Psychoanalysen sitze. Seit Januar ist die Praxis erdrückend, nie unter zehn Stunden am Tage. Damit ist auch das Erwünschte eingetreten, daß ich von Oppenheims Unterstützung unabhängig bin. Denn was ich von ihm noch erhalte, ist nicht mehr nennenswert. Ich bleibe ihm ja zu vielem Dank verpflichtet, aber der jetzige Zustand, mit voller Freiheit des Handelns, ist doch vorzuziehen. Ich mußte kürzlich ein paar Behandlungen ablehnen, weil ich nicht noch mehr übernehmen kann, übergab eine an

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    Eitingon, der ja hin und wieder Patienten behandelt. Allmählich macht sich das Fehlen eines Mitarbeiters recht fühlbar, und ich weiß nicht, woher ich jemanden nehmen soll. Freilich wird die Tätigkeit nicht das ganze Jahr über so bleiben, aber es wäre doch erwünscht, noch jemanden zu haben. Es wird Sie interessieren, daß die Psychoanalyse des jungen Schönlank (dessen Vater Sie im Herbst an mich wiesen) mit einem vollen Erfolg geendet hat. Die Zweifelsucht, Impotenz und alles sonstige Neurotische sind beseitigt. Sehr zufrieden bin ich auch in bezug auf das Patienten-Material: fast durchweg intelligente Leute mit sehr individueller Gestaltung der Neurose, sodaß die Arbeit nie eintönig wird. Zu privaten Arbeiten komme ich nun sehr wenig; die ägyptische Untersuchung 

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    für die Imago kommt nur im Schneckentempo vorwärts. Ich wundere mich immer, wie Sie es fertig bringen, neben der Praxis noch literarisch so produktiv zu sein. Für die Separata herzlichen Dank! Wissenschaftlich heute nur eine Bemerkung. Einer meiner Aschon länger analysierten Patienten machte kürzlich einen mehrtägigen hysterischen Dämmerzustand durch und entwickelte in diesem einen Verfolgungswahn, dessen Aufklärung mir teils während des Dämmerzustandes, teils hernach gelang, als der Pat. klar und einsichtig geworden war. Die Gelegenheit, Wahnbildungen in statu nascendi zu beobachten und nach erlangter völliger Einsicht zu analysieren, ist selten. Hier konnte ich nun alles, was Sie aus dem Falle Schreber gefolgert haben, in einer Durchsichtigkeit nach-

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    weisen, die wirklich frappant ist. Ich will die Sache veröffentlichen, wenn ich Zeit finde. Unser Berliner Grüppchen lebt still dahin. Die vorige Sitzung war erfreulich durch ein Referat von Frau Dr. Horney über Sexualpädagogik im frühen Kindesalter. Der Vortrag zeigte einmal wirkliche Durchdringung des Stoffes; leider etwas nicht allzu Häufiges bei den Vorträgen in unserem Kreise. – Kürzlich besuchte uns Kollege Brecher; er schien mir recht neurotisch und war schwankender als je in seiner Stellung zur Psychoanalyse, rein aus Komplexgründen. – Noch eine Bitte! Würden Sie, lieber Herr Professor, mir gelegentlich ein paar Worte sagen, wie nach Ihrer Erfahrung die Prognose bei impotenten Neurotikern ist, wenn sie stark zum Fetischismus neigen? Mir scheinen diese Fälle besonders ungünstig. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr ergebener Abraham