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    [Briefkopf III Berlin] 9. III. 11.

    Lieber Herr Professor,

    Herzlichen Dank für die weiteren Angaben über Fließ, den ich noch nicht wieder gesprochen habe, und für die Putnam-Sonderdrucke. Die neuen Publikationen, von denen Sie schreiben, hoffe ich bald zu Gesicht zu bekommen. Vom Segantini hatte ich schon einen Teil der Korrektur. Wegen der Bilder steht Deuticke mit der Photographischen Union in München in Verbindung. Wegen der Ziehen-Sache hatte ich an Kollegen Maier in Burghölzli geschrieben und bekam von ihm beiliegenden Brief. Ich kann ihm nicht unrecht geben. Daß ich ihm vorher geschrieben habe, ist gut, weil die Publikation in Zürich (d.h. Burghölzli) wohl sicher eine Verstimmung erzeugt hätte; und der Riß ist doch gerade erst geflickt. Nun müssen wir die Geschichte mündlich weitererzählen. Adlers Rücktritt kann ich kaum bedauern. Bei aller Achtung vor seinen guten Eigenschaften war er doch sicher nicht der Geeignete zur Leitung der Ortsgruppe. Seine neueren Arbeiten behagen mir gar nicht. Freilich traue ich mir kein definitives Urteil zu, weil ich von einer Antipathie gegen Adlers Stil und Darstellungsweise nicht loskomme. Die Gefahr liegt vor, daß man dann vielleicht manches aus Bequemlichkeit ablehnt, um sich nicht hineinlesen zu müssen. Aber ich glaube ihm nicht Unrecht zu tun, wenn ich den »Aggressionstrieb« sehr einseitig finde. Das Aufgeben der Libido, die Vernachlässigung alles dessen, was wir über erogene Zonen, Autoerotismus, etc. gelernt 

  • S.

    haben, erscheint mir als Rückschritt. Das Lustprinzip geht völlig verloren. Dazu noch Rückfälle in die Oberflächen-Psychologie, wie die »Überempfindlichkeit« etc. Wo er ein Beispiel gibt, tritt mir die Einseitigkeit der Auslegung sehr deutlich entgegen. Die fundamentale Tatsache der Überdeterminierung wird ganz vernachlässigt; so z.B. in der Anmerkung (zum Nürnberger Vortrag), in der er die Erythrophobie erledigt. Der »männliche Protest« scheint mir in gewissen Fällen ein guter Gesichtspunkt; etwas prinzipiell Neues finde ich nicht darin; ich möchte sagen, es ist eine schon in Ihren »Drei Abhandlungen« enthaltene Idee (von der Männlichkeit der Libido) pointiert ausgedrückt und einseitig auf die Spitze getrieben. Der »männliche Protest« muß in seinem Unbewußten wurzeln. Trotz all dieser Einwände findet man immer Wertvolles, sodaß man bedauern möchte, daß alles so skizzenhaft, fragmentarisch und ungenügend begründet dasteht. Die Praxis ist seit einiger Zeit turbulent geworden, fast täglich acht Analysen-Stunden und einiges andre daneben, sodaß mir wenig Zeit für die Wissenschaft bleibt. Ich denke, Ostern ein bißchen zu pausieren. – Über einige – so viel ich weiß, neue – Ergebnisse schreibe ich vielleicht demnächst einmal. Wir haben uns sehr über Fräulein Bernays’ Besuch gefreut und haben uns gründlich über alles Ihr Haus Betreffende unterrichten lassen. Mit herzlichen Grüßen für Sie und die Ihrigen, auch von meiner Frau, Ihr
    Abraham