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Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.14. Sept 19
Theurer Wilhelm
Sehr er staunt, daß Ihr länger aus-
geblieben seid als wir. Ich bin seit
10 Sept in Wien. Sehr erfreut, daß es
Dir so gut ergangen ist. Es war
sehr schön auch bei mir. Ich werde
den Bericht über 6 Wochen kurz
zusam̄endrängen. Nach unserer Tren̄g
fuhren wir nach Trafoi, bis wohin
wir kalte schlechte Reise hatten.
Trafoi hat uns dan̄ sehr belohnt,
im Gasthaus z schönen Aussicht war
es behaglich u reichlich. Die schöne
Stilfserstraße haben wir zu wieder-
holten Malen gemacht. Dann reisten
wir – alle unsere Zwischenreisen waren
im Gewitter u unter sonst erschwerenden
Umständen – nach Sulden, wo zwei -
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der herrlichsten Tage über uns kamen,
gerade als wir am Wetter verzweifeln
wollten. Die Schaubachhütte, zu der
wir über „Glatteis" gingen, war imposant.
Warum der Vorsatz, Dir von dort aus
für die Empfehlg zu danken, nicht ausge-
führt wurde, weiß ich heute nicht mehr.
Um eine Zwischenstation zu machen, gingen
wir dann über Meran auf die
Mendel, wo wir Lustgarten u andere
Wiener Freunde trafen. Dort war
es schwül u faul. Zur Abwechslg ein
Tag Wagenfahrt durch das an antiken
Funden reiche Nonsthal (Cles). Martha
reiste dann über Bozen nach Hause
u verlangte durchaus, daß ich Lustg
nach Venedig nachreise, um den Führer
zu machen. Ich that so, traf aber dort,
überrascht genug meinen Schwager
Heinrich u Rosa, die mich nach 1 1/2 Tagen
Venedig nach Berghof am Ossiacher See
mitnahmen. Ich war so recht im Bum̄el -
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u ging auf alles ein. In Berghof fand
ich meine Schwester Anna mit den
amerikanischen Kindern, die den meinigen
so ähnlich sehen, u einen Tag später
traf Onkel Alexander unerwartet
ein. Endlich, – wir sind beim 26. Aug –
kam die Ablösung; ich meine Minna –
mit der ich in kleinen Stationen durchs
Pusterthal nach Trient fuhr. Im vollen
Süden wurde es mir erst recht behaglich,
unter Eis u Schnee hatte mir etwas
gefehlt, was ich damals nicht zu nen̄en
wußte. Die Sonne war im Trentino
sehr liebenswürdig, keineswegs so
unerträglich wie in Wien. Von Trient
führte uns ein Ausflug zu dem traum-
haft schönen Castel Toblino, wo der
köstliche Vino santo wächst, der erst
zu Weihnachten gekeltert wird. Da
sah ich auch meinen geliebten Oelbaum
wieder. Minna wollte eine Höhenstation
verkosten; wir gingen darum über -
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eine schauerlich schöne Bergstraße nach Lavarone (1200 m), ein Hochplateau abseits vom Valsugana, wo wir den herrlichsten Nadelwald fanden und eine ungeahnte Einsamkeit. Die Nächte wurden aber kühl, und so steuerte ich denn direkt auf den Gardasee zu, den Dir die Karte aus Torbole verraten haben wird. In Riva saßen wir endlich fünf Tage, göttlich untergebracht und gefüttert, eine Schwelgerei ohne Reue und Trübung, wenn nicht die Professorengesellschaft im Hotel du Lac so aufgefaßt werden soll. Zugegen: Sigm. Mayer (Prag), bei dem ich hätte Assistent werden sollen, Tschermak, Jodl, Felsenreich aus Wien, Dimmer aus Graz, Hildebrand aus Innsbruck. Wir hielten uns abseits. Zwei lange Seefahrten brachten uns einmal nach Salo, das andere Mal nach Sirmione, wo ich in den Ruinen der angeblichen Villa des Catull herumgestiegen bin.
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Am 8 Sept brachte ich dann Minna nach
Meran, wo sie entweder einige Wochen
oder einige Monate bleiben soll, um
ihren Spitzenkatarrh zu bessern. Ich
glaube Dir erzählt zu haben, daß das
Wiederauftauchen dieser Affektion,
wegen welcher sie mit 17 J. nach Sizilien
geschickt wurde, einen Schatten auf die
nächste Zukunft wirft. Ich bin unverschämt
fidel u wol in Wien angelangt,
habe mein Volk heiter angetroffen
u noch am nämlichen Tag bin ich in's
Geschirr gegangen. Es gab wider Erwarten
zu thun; die ersten 200 fl sind
rasch verdient worden. Wollen sehen, was
weiter kommt.Von meinen großen Fällen sind allerdings
erst zwei da, die Gerstel u L. Maggie. Letztere,
nachdem sie sich bei den Eltern
glänzend aufgeführt u mir einen sehr -
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liebenswürdigen Brief des Vaters Haller
eingetragen hat. Das Andere ist mannig-
faltiges Getue; mit der Psychose bei
einer meiner Langjährigen habe ich auch
viel zu erwarten.Leider mußte ich hören, daß Mela schwer
krank war. Ich habe Oscar in schlechter
Verfassg gefunden und freue mich nur,
daß morgen Samstag der Transport
von der Brühl in die Stadtwohng
stattfinden soll. Von den beiden Alten
ist auch nichts Gutes zu berichten, wie
Du ja längst weißt. Oscar hat ein
schweres Jahr vor sich. Er fand noch
Zeit, entrüstet über meine neuerliche
Übergehung zu sein, denn richtig –
an irgendeinem Augusttag sind
alle Vorgeschlagenen zu Professoren
erhoben worden mit einziger Aus-
nahme meiner Wenigkeit. Es hat
mich so wenig berührt, daß ich mich -
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erst auf dem Umweg über Oscar daran
erinnert. Wenigstens aber ist Königstein
dazu gekommen.Der erste Tag brachte auch einen kleinen
Einfall über die (oder eine) psycholog.
Wurzel des Aberglaubens. Ich kam so
dazu: Ich nahm einen Wagen u trug dem
Kutscher auf, in die Ditrichsteingasse zu
fahren. Ich wollte sehen, ob die alte
Frau, die jetzt schon in's 91 J. geht
u schließlich 100 doch nicht erreichen
wird, schon in Wien ist. Der Kutscher
führte mich in eine unrichtige Gasse,
obwol er bereits unbestim̄te Male
vorher an den richtigen Ort gebracht hatte.
Ich sagte nun: Wen̄ ich abergläubisch
wäre, ließe ich das als ein Omen gelten,
daß sie in diesem Jahre sterben wird.
Da der Irrtum des Kutschers mich aber
nichts angeht, ist es für mich Zufall.
Ich hüte mich nun, den Zufall als psych.
bedeutsam zu nehmen. Wäre ich selbst -
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irregegangen anstatt des Kutschers, so
hieße das bei einem anderen „Zufall".
Ich wüßte, daß ich mit diesem Irrtum
etwas ausdrücken will. Wen̄ wir
dem äußeren Zufall Bedeutg beilegen,
projiciren wir nach außen die Kenntniß,
daß unser innerer Zufall stets
(unbewußte) Absicht ist. Diese dunkle
Kenntniß ist also die Quelle unseres
Glaubens an die Sinnigkeit des
Zufalls, also des Aberglaubens.Sonst bin ich eigentlich noch faul.
Morgen erwarte ich Martha u die
Kinder im Hause. Ich bleibe heute
zuerst von der Bellevue weg.Mit herzlichstem Gruß und in der
Hoffnung bald viel von Dir
zu hören
Dein Sigm
Berggasse
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße
Berlin 10785
Deutschland
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