• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ....
    IX., Berggasse 19.

    1 Juli 1900

    Theurer Wilhelm

    Also tagt es wirklich! Ich nehme es
    doch nicht so gleichgiltig wie Du. Dein
    Fall schien mir im̄er der weit deprim-
    irendere. In meinem Fall kann ich mir
    den Widerstand der Menschen sehr
    wol aus dem Unbehagen erklären,
    welches dem Thema entquillt. Du aber
    hast reinliche u indifferente Dinge; zur
    Erklärung blieb nichts als die etwaige
    Abneigung der Menschen gegen
    Neues, das wahr sein könnte, u 
    diese Erklärung war doch wirklich zu
    schaurig. Laß uns noch etwas hinzunehmen.
    Wen̄ die Veröffentlichgen erscheinen
    die Deine Funde als klassische bezeichnen
    u die bekannte Schafsnatur der
    wissenschaftlichen Männer sich nun
    darin äußert, daß das bisher Verworfene
    allgemein geglaubt wird, verspürst

  • S.

    Du dan̄ nicht ein gewißes Behagen, wenn
    Du Dir den Hofrat Chrobak u seine
    klinischen Assistenten vorstellst, die
    sich nun bemühen werden, das gesehen
    zu haben, was sie seinerzeit gesehen
    u dan̄ wieder sich und Anderen abge-
    leugnet haben? Solche Schadenfreude,
    solche befriedigte Rachsucht spielt bei
    mir eine große Rolle, ich habe von
    dem köstlichen Gericht zuwenig noch
    genossen. Ich nasche bei Deiner
    Malzeit also einen Löffel mit.

    Noch eines, um aufzuklären, daß
    wir beide bei so gleichem Urtheil
    so ungleichen Benehmens sein können.
    Wir geben beide vielleicht gleich wenig
    auf die Zustimmung der P. T. Zeitgenossen,
    aber Du bist von derselben unabhängig,
    weil Du daneben Zähne ziehst, Nasen
    beschneidest u A. thust, was sie ohne
    mit Dir in ConfliCt zu gerathen,
    honoriren. Ich aber soll gerade von

  • S.

    dem Urtheil derselben Leute leben, deren
    Urtheil ich verachte. Ich wäre wahr-
    scheinlich ebenso unbeküm̄ert, wen̄
    ich ähnlich unabhängig wäre.

    Ich sehe Dich ganz gewiß in diesen
    Ferien u nach Deiner Ortsbestim̄g.
    Ob es anfangs August sein kann, ist
    mir noch zweifelhaft. Ich werde wahrscheinlich
    im Aug auf eine Woche nach Trafoi
    mit meiner Frau gehen u muß dabei
    jener Zeit ausweichen, in der sie nicht
    genußfähig ist. Das Geld, auf das ich gerechnet,
    habe ich zwar nicht bekom̄en, werde mich
    aber nicht abhalten lassen zu reisen.
    Ich bin bereits ziemlich verblödet
    reizbar u unlustig u nehme alles,
    was nicht wie bei meinen Haupt-
    fällen glattgeht, mit allzugroßer
    Resonanz auf. Dazu die mörderische
    Hitze dieser Tage. Es ist Zeit abzubrechen.
    Über den Zeitpunkt unseres Zusam̄en-
    treffens werden wir also noch

  • S.

    verhandeln können. Es wird sich ja bei
    Dir im Hause klären u ich werde
    Dich nach Deinen Som̄erplänen
    fragen dürfen.

    Es ist das Jahr der „Revenants."
    Mein alter Freund Lustgarten aus
    New York ist wieder hier, der sich
    gegen meine arme Schwester so
    liebenswürdig benom̄en hat u will
    daß ich ihn auch im August im
    Gebirge treffe. Meine Schwester
    ist am 1 Juli angekom̄en, noch
    im Shok vor der Trauer, elend
    u abgehärmt, mit einem übermütigen
    wilden Mädel von 4 1/2 J. Manches
    stimmt nachdenklich.

    Auf Wiederschreiben!
    Herzlichst
    Dein Sigm