• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a.d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    18.VI.1900

    Theurer Wilhelm

    Mein letzter Brief hat nur von mir
    gehandelt u nun nöthigst Du mich, wieder
    von mir zu schreiben, da Du mir genauere
    Auskunft über Dein Haus vorenthältst.
    Daß Du Schwierigkeiten mit „Fräulein"
    hast, weiß ich ungefähr, von Conrad
    schreibst Du nichts; so bleibt alles für
    den August in dem ich Dich ganz gewiß
    spreche, u ich muß wieder von mir schreiben,
    als ob ich mich für nichts Anderes mehr
    interessirte.

    Die Anginaepidemihe at nach Ernst, der
    sich schnell erholt, Martin ergriffen, der
    heute auch schon schattenhaft herumwankt.
    Mathilde scheindt ie nächste, will aber nicht
    fiebern; die anderen sind noch blühend.
    Dem Aufenthalt auf der Bellevue
    fehlt natürlich alles, was die Entferng
    von der Großstadt so köstlich macht.

  • S.

    Es gibt eben kein „trockenes Tauwetter".

    – Das Datum des 24 Juli 95 ist allerdings
    beglaubigt. Der Traum ist auch im Buch
    so datiert: 23/24 Juli, u ich weiß, daß er
    der erste ist, an dem mir die Formel
    aufging, sowie daß ich die Analyse
    Tags darauf vornahm. Kan̄st Du
    mit der Zahl etwas anfangen?

    Das Referat im Berl. Tagebl hat mich
    natürlich gefreut. Die erste Stim̄e,
    die von Eindruck u beginnendem
    Verständniß zeugt, unvollständigem
    freilich, denn die letzte Bemerkg, daß
    sich eine wissensch Technik nicht
    daran knüpfen u die ganze Kunst nicht
    lehren ließe, ist unrichtig. Mindestens
    zwei meiner Pat. haben sie so gut
    erlernt wie ich. Ich möchte gerne wissen,
    wer der Verfasser ist. Er kann ärztl
    Kreisen doch nicht ferne stehen.

    Das Leben hier ist sehr langweilig, u ich
    verliere allmählich die Feinhörigkeit
    u gleichmäßige Stim̄ung, die ich bedarf.
    Ein Patient aus Zicomir in Rußland,

  • S.

    von wo ich vor 2 j eine Dame hatte, hat sich
    noch angekündigt. Ich werde aber seinet-
    wegen kaum über 1 Aug bei der Arbeit
    bleiben. Das kleine 13j Mädchen ist sehr
    interessant u wird uns viel beschäftigen.
    Maggie Haller ist vortrefflich, sie war
    letzten Nachm Son̄tag einen ganzen
    Nachmittag bei 3 Malzeiten auf der
    Bellevue u hat sich glänzend benom̄en.
    Ich hoffe, ich kn̄ mein Augenmerk all-
    mälich auf die restlichen Probleme
    u Schwierigkeiten richten, aber wol erst
    nach der Ferialunterbrechung.

    Vor mir liegt die Ankündigg einer
    Sexuellen Osphresiologie von
    Dr Alb. Hagen.
    Cap I Allgemeines, darunter: „Genitalstellen"
    der Nase.– Verhalten der Nase in der
    Pubertät, während der Menstruation etc 
    Ich hoffe, er sagt auch, woher ihm die
    Weisheit stam̄t. – Auch in der neu erschienenen
    „Mimik auf Grund voluntarischer
    Psychologie" (Autor vergeßen) ist mir
    Dein Name im Text begegnet.

  • S.

    Hoffentlich vergeht dieser Sommer
    bald. Ich muß wieder einmal heraus
    u etwas sehen. Man trocknet so leicht
    ein bei der unvermeidlichen Einschränkg
    seiner Interessen das ganze Jahr über.
    Rom ist es zwar noch im̄er nicht, oh Optimist!
    aber wenigstens Berlin, vielleicht noch
    ein Stück Gebirge mit meiner Frau.
    Vederemo!

    Allerherzlichsten Gruß für
    Dich u Dein ganze Haus von
    Deinem Sigm