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S.
[Editorische Anmkerung: Bei Masson 1986 unter "[25].4.1900" geführt. CD]
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.28.4.1900
Theurer Wilhelm
Ja siehst Du es ein, daß sich Rom nicht
forciren läßt.? Ich habe oft so eine
fatalistische Überzeugg, die meiner Trägheit
dann sehr wol dient. Ich kom̄e jetzt
auch wirklich nicht von der Stelle. Nach
Deinem Brief ist mir der Vorsatz
durch den Sinn gezuckt mit Dir im
August einige Tage an der See
zuzubringen, eine große Überzahlung
von Frl Schiff. hatte mich an diesem
Tage etwas bereichert. Aber wenn
der Herrgottsichdiese Summe im Laufe
der nächsten Momente wieder anders-
wo abzieht, dann wird doch nichts daraus.Du hast es in Dresden mit Deiner
Frau gewiß angenehmer gehabt als
etwa mir mir in Weimar. Ich wäre
auch gewiß nicht gekom̄en, der Anblick
der 5 kranken Kinder war zu kläglich
so harmlos die Sache im ganzen war. -
S.
Gestern hielt ich in meinem Verein
einen Vortrag über Zola's Fecondité.
Ich bereite mich im̄er schlecht vor, eigent-
lich erst in der Stunde vorher – nach
der Art, wie man in der Schule den
deutschen Aufsatz macht. In der Nacht
von Montag auf Dienstag träumte ich
ausgiebig von diesem Vortrag. Ich erklärte
daß ich nach Hause müße, das Buch zu
holen, fand den Weg nicht, verirrte mich,
es war elendes Wetter, ich kam
nicht von der Stelle, u während all
dieser Verzögerungen arbeitete ich ein
Stück des Vortrags aus. Die Hinder-
niße waren also nur Vorwände,
um Zeit für die Ausarbeitg zu gewinnen.
Auch waren die Brüder unliebenswürdig
u höhnisch gegen mich, ein Benehmen
geeignet, also bestim̄t, mein Interesse
am Gelingen des Vortrags abzu-
schwächen. Das „schlechte Wetter" ist von
einer Pat. entlehnt, die mich jetzt
am lebhaftesten interessirt, weil -
S.
ich endlich - in der 6. Saison – hinter ihr
Geheimniß kom̄e. Verfehlte Technik
hat es mich früher nicht finden lassen.Es ist auch bei uns Frühling geworden
die Bäume vor meinem Fenster haben
zarte röthliche Blätter. Ich bin neugierig,
was der Frühling bei Dir zu Tage
fördern wird; ich bin mit gleichmäßiger
Stim̄ung u körperlichem Wolbefinden
zufrieden. Ich vergaß Dir zu schreiben,
daß die Befürchtgen, an der Reise
meiner ältesten Schwester aus New York
nach Berlin sei eine drohende Kata-
strophe schuld, unbegründet scheinen;
es steckt etwas anderes dahinter, was
nicht zu errathenist. Dagegen ist der
Man̄ meiner jüngsten Schwester (in New York)
sterbenskrank.In der letzten Nr der Wernick'schen
Monatschrift (in die ich selber schreibe)
ist das erste Stück eines Aufsatzes
von Dr Warda in Blank[en]burg „Ein
Fall von Hysterie nach der Kathartischen -
S.
Methode von Br. u F. dargestellt". Ich
habe es noch nicht recht gelesen. Der Mann
weiß offenbar nur das Wenige, was
in den Studien stand u arbeitet recht
schwerfällig mit meinen Begriffsschöpfgen
aus der Sturm- u Drangperiode, der
Retention, Abwehr, Conversion und
auch mit dem unglücklichen mir auf-
gedrängten „Hypnoid".Die Pat, die ich durch 14 Tage behandelt
u dan̄ als Paranoia bei Seite geschoben
habe, hat sich seither in einem Hotelzim̄er
erhenkt (Frau Margit Kremzir).Eine neue Anwerbg will mir nicht gelingen.
Letztes Ausbleiben: ein schon seit Wochen
bestim̄ter 12j Knabe, Enkel vom Maler
Alt, angeblich am Tage vor dem verab-
redeten Beginn erkrankt.Herzlichste Grüße für Dein
ganzes Haus u weitere Nachricht,
sobald es etwas giebt
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F15