• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    21.Sept 99
    Theurer Wilhelm
    Da sitze ich nach 32stündiger ekelhafter
    Fahrt durch Wasser wieder am
    vertrauten Platz, 7 Bogen Correcturen
    vor mir u keine ärztliche Nachricht
    u von Deinem lieben Brief mit
    seinen guten Nachrichten schön emp-
    pfangen. Eine Art Ersatz für unser
    vereiteltes Wiedersehen finde ich in der
    gesteigerten Lebhaftigkeit unseres
    Briefverkehrs u hoffe, auch während
    der Zeit, da Du den To∂ten
    nachgräbst, wirst Du des Lebenden
    öfter gedenken. Wie Du richtig
    vermuthest, ist mein Grant von mir
    abgefallen, nicht nach einer Migraine 
    sondern nach einer schönen Reihe ähnlicher
    Zustände. Allein ich glaube, meine
    Selbstkritik war nicht ganz unbe-
    er rechtigt. Es steckt auch in mir

  • S.

    irgendwo ein Stück Formgefühl, eine
    Schätzung der Schönheit als einer Art
    der Vollkom̄enheit, u die gewundenen 
    auf indirekten Worten stolzirenden 
    nach dem Gedanken schielenden Sätze
    meiner Traumschrift haben ein Ideal
    in mir schwer beleidigt. Ich thue auch
    kaum unrecht, wen̄ ich diesen Form-
    mangel als ein Zeichen fehlender
    Stoffbeherrschung auffasse. Du
    wirst es ebenso empfunden haben 
    u wir sind im̄er zu ehrlich mi
    teinander gewesen, als daß einer
    dem anderen etwas vorzumachen
    brauchte. Der Trost liegt in der
    Nothwendigkeit; es ist eben nicht
    besser gegangen. Es thut mir noch
    leid, daß ich mir den liebsten
    u besten Leser durch die Mittheilg
    der Correcturen verderben muß,
    den̄ was kann einem überhaupt
    gefallen, wen̄ man es als Corrector
    lesen muß. Ich kann Dich aber 
    den Repräentanten des „Anderen" 

  • S.

    leider nicht entbehren u – habe wieder
    60 Blätter für Dich. 

    Und jetzt ein Jahr weiter in dieses
    sonderbare Leben hinein, in dem
    die Stim̄ung wol der einzige
    wirkliche Werth ist. Die meinige
    schwankt, aber wie Du siehst, wie
    es im Wappen unserer lieben
    Stadt Paris heißt:
    fuctuat nec mergitur

    – Eben hat sich eine Pat. ein Goldfisch 
    mit dem ich schon in Unterhandlgen
    gestanden bin, angekündigt, ich
    weiß nicht, ob abzusagen oder an-
    zunehmen. Von dem Erwerb 
    hängt meine Stim̄ung auch sehr ab.
    Geld ist Lachgas für mich. Aus meiner
    Jugend weiß ich, daß die wilden Pferde
    in den Pampas, die einmal mit
    dem Lasso gefangen worden sind 
    ihr Leben über etwas Ängstliches
    behalten. So habe ich die hilflose
    Armuth ken̄en gelernt u fürchte

  • S.

    mich beständig vor ihr. Du wirst sehen,
    mein Styl wird besser u meine
    Einfälle richtiger werden wenn
    mir diese Stadt reichlich zu
    leben gibt. 

    Mit Verificiren von Citaten usw 
    plagst Du Dich dieß mal nicht? Ich
    bin ja wieder im Besitze aller
    literarischen Hilfsmittel. Das Haupt-
    stück der Deuutngsleistg kom̄t dießmal,
    die absurden Träume. Es ist erstaunlich,
    wie oft Du vorkom̄st. In dem Traum
    Non vixit freue ich mich, Dich überlebt
    zu haben; ist es nicht arg, so etwas andeuten 
    für jeden Wissenden also heraussagen
    zu müßen?

    Frau u Kinder bleiben noch bis Ende
    Sept. in B. Paulinchen kenne ich
    noch im̄er nicht!
    Herzlichsten Gruß
    Dein Sigm