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S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien,
IX., Berggasse 19.14 Okt 1900
Theurer Wilhelm
Du hast jetzt Weib u Kind wieder im Hause
u weißt wol auch, daß ich sie beide noch
einen Moment lang gesehen u gesprochen
habe. Robert war glänzend u hat mich
in seiner göttlich groben Aufrichtigkeit
– nicht gegen mich – an Paul Hammerschlag
erinnert, si parva licet componere magnis.
Möge sie ihm noch lange erhalten
bleiben. Deine Frau nahm sich offenbar
die Schwierigkeiten mit ihrer kranken
Mutter sehr zu Herzen. Es ist auch
etwas unsäglich Peinliches,und als ich
hörte, es seien ungenannte Motive
gegen die Reise nach Berlin, dachte
ich, ob es nicht das beste wäre, Dich
zu veranlassen, daß Du Dich gar nicht
weiter um die Behandlg küm̄erst.
Sie verliert nichts dadurch, da doch nicht
geschehen kann, was Du möchtest u
gewinnt vielleicht, indem Breuer -
S.
dann wie selbständig thut, was er über
Aufforderung nie gethan hätte. Ich kenne
ihn, er ist nicht zu beeinflußen; mit
ihm zu brechen ist nicht möglichAber ich bin zu sehr persönlich mitge-
nom̄en, um ein verläßliches Urtheil
zu haben. Wie Du selbst gesagt hast,
bittest Du mir jetzt allerlei Gedanken
über meine Beziehungen zu ihm ab
u Ida hat noch nie so oftmals in so
kurzer Zeit mir in allem Möglichen
Recht gegeben wie damals, was eine
Verschiebung von der einen, unein-
gestandenen Berichtigg in ihrem
In̄ern her sein muß. Ich hätte mir
wol eine harmlosere Gelegenheit
um Recht zu bekommen gewünscht.
Ich muß mich also sehr hüten nicht als
Hetzer zu erscheinen. Meine Leiden
waren wirklich arg, ehe ich mich
von ihm losriß, u dabei war die
Schwierigkeit, mir ein Verständniß
für sein Benehmen zu schaffen,
wie es Dir jetzt mühelos entgegen- -
S.
kommt.
Deine Frau hat mit ihrem feinen Flair
eine Äußerg von ihm hervorgehoben
die Br ihr gegenüber gemacht: Die Mama
habe gesagt, sie nehme gern Digitalis,
wen̄ er es ihr giebt. Das ist wirklich für
ihn die Hauptsache. Mit der Karte, nicht
mit seinem Wissen u nicht mit seinem
Können hat er sein Spiel im Leben
gewonnen u sein Vermögen gemacht.
Wehe, wer da angreift!Aber genug davon. Ich hoffe, von Dir
zu hören, was vorgeht. Ich selbst
schreibe den Traum ohne rechten
Genuß u werde Professor auf dem
Wege der Zerstreutheit, während
ich Material für die Alltagspsychologie
sammle. Die Zeit war belebt, hat
auch wieder einen neuen u für die
vorhandene Sam̄lung von Dietrichen
glatt aufgehenden Fall eines 18j.
Mädchens gebracht.Für die Alltagspsychologie möchte ich
mir das schöne Motto „Nun ist die
Welt von diesem Spuk so voll etc -
S.
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