• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ....
    IX., Berggasse 19.

    16.4.1900

    Theurer Wilhelm

    Dieß der bestellte Gruß aus dem
    Lande des Sonnenscheines. Ich bin
    nämlich wieder einmal nicht hinge-
    kom̄en. Das Reiseziel, auf Trient
    u den Gardasee angesetzt, zog sich zuerst
    näher heran, weil mein Begleiter
    die 22st Rückfahrt fürchtete, wobei
    ich ihm Recht geben mußte. Dann
    hörten wir, daß dort, wohin wir
    wollten, sehr viel Schnee liege
    beinahe soviel wie zu Hause. Dann
    wurde der Freitage in elender
    Regentag. Dan̄ plötzlich erkrankte
    Martin, u ich beschloß zu bleiben.
    Endlich war Samstag das Wetter er-
    träglich, aber alle fünf – nach
    Mathilde – lagen mit Varicellen

  • S.

    zu Bett. Es ist natürlich nichts rnsthaftes
    aber doch soviel gesam̄elte Unann-
    ehmlichkeit, daß ich ganz froh bin,
    noch zu Hause zu sein.

    Du hast ganz recht, meine Wünsche
    sind nicht sehr schmiegsam; bei
    einem theilweisen Verzicht kom̄t
    es dan̄ bald zu Stande, daß mich
    die „ganze Leich" nicht mehr freut.
    So war es auch hier.

    Ihr wart unterdeß in Dresden, häusliches
    Ungemach – von kleinem Caliber zum Glück –
    rascher zu vergessen. Es sind komische
    Vertheilungen. Wir haben doch alles
    mögliche andere, aber gerade
    in der Art nichts. Das Haus geht
    glatt u die Leute sind treu u
    ausdauernd. Jede Kulturstufe hat
    so ihre besonderen Beschwerden.

  • S.

    Fellner hat endlich mit einer Abendein-
    ladung in meinem Hause seine Laufbahn
    als Patient beschloßen. Sein Rätsel
    ist fast ganz gelöst, sein Befinden
    vortrefflich, Wesen ganz verändert.
    von den Symptomen ist derzeit ein
    Rest geblieben. Ich fange an zu verstehen,
    daß die scheinbare Endlosigkeit der Cur
    etwas Gesetzmäßiges ist u an der
    Übertragg hängt. Ich hoffe, daß dieser
    Rest den praktischen Erfolg nicht beein-
    trächtigen wird. Es lag nur an mir, die
    Cur noch weiter fortzusetzen, aber mir
    ahnte, daß dieß ein Compromiß
    zwischen Krank- u Gesundsein ist, den
    sich die Kranken selbst wünschen,
    auf den der Arzt darum nicht
    eingehen soll. Der assymptotische Abschluß
    der Cur, mir im Wesen gleichgiltig,
    ist im̄erhin eine Enttäuschg mehr für
    die Außenstehenden. Ich behalte

  • S.

    den Mann übrigens im Auge. Da er
    alle meine technischen u theoretischen
    Irrtümer hat mitmachen müßen,
    so meine ich wol, ein nächster Fall
    wäre in der Hälfte dieser Zeit zu lösen.
    Der Herr sende nun diesen nächsten.

    Maggie Heller geht es sehr gut. Die
    wird kein Mißerfolg mehr.

    Gelegentlich rührt es sich zur Synthese,
    aber ich halte es nieder.

    Wien ist sonst Wien, also höchst
    ekelhaft. Wenn ich schließen würde: nächste
    Ostern in Rom, käme ich mir
    wie ein from̄gläubiger Jude
    vor. Also lieber auf Wiedersehen
    im Som̄er oder Herbst in Berlin
    oder wo Du willst.
    Herzlichsten Gruß
    Dein Sigm